Cemil Teke

Cemil Teke und seine Frau Aysun sind die Menschen hinter Hamelns neuer Kaffeebar „Die Barista“ in der Bahnhofstraße. Zur Eröffnung haben sie uns ihre Geschichte erzählt.

Barista über Umwege

Aysun Teke hat sich Zeit genommen. Eine Kaffeebohne nach der anderen hat sie an die betongraue Wand in der Bahnhofstraße 21 geklebt. „Es war schwierig, aber es hat auch entspannt“, sagt die 32-Jährige und blickt noch einmal auf ihr Werk. Dort, über den selbstgebauten Tischen aus Holzbohlen, die ihr Mann Cemil Teke einem Gerüstbauer abgekauft hat, prangt nun eine Weltkarte aus Kaffee. Und irgendwie steht die Arbeit an der Karte als Symbol auch für das Leben von Cemil und Aysun.

Dank der Hilfe von Aysun habe ich diese Zeit hinter mir gelassen. Sie hat mich gelenkt. Was wir jetzt sind, habe ich ihr zu verdanken.

Cemil Teke über seine Frau Aysun

Die Weltkarte aus Kaffee steht für die Leidenschaft und die Liebe zum Detail, die das Ehepaar seit Monaten in die neue Kaffeebar gesteckt hat. Sie steht aber auch für den bedingungslosen Zusammenhalt der beiden. Und damit irgendwie auch für die Rückschläge und die Tiefpunkte, die sie gemeinsam überstanden haben. Von vorne.

Aysun und Cemil Teke erzählen Moritz Muschik
von den Rückschlägen in ihrem Leben.

Cemil Teke: Aufgewachsen in der Gastronomie

Im Alter von 18 Jahren schmiss Cemil Teke von einem Tag auf den anderen die Schule und übernahm den elterlichen Betrieb, das „La dolce Vita“ in Hessisch Oldendorf. „Mein Vater hatte einen Herzinfarkt“, erzählt Cemil. Natürlich stellte er sich der Herausforderung, natürlich sprang er für die Familie ins kalte Wasser und beendete seine Schulzeit an der Handelslehranstalt. „Ich bin in der Gastro aufgewachsen, hatte einige Erfahrungen. Aber wenn du jung bist, machst du Fehler“, meint Cemil heute. Quasi über Nacht wurde er damals Chef. Und selbstredend lief nicht alles rund. „Die junge Generation traf auf die ältere, in der Küche sind manchmal die Töpfe geflogen“, erinnert sich Cemil.

Aysun und Cemil Teke haben ihre neue Kaffeebar
in der Bahnhofstraße in Hameln „Die Barista“ genannt.

Das Leben in der Gastronomie war hart. „Als Kinder sind wir nach der Schule mit dem Schulranzen in die Küche gegangen, haben dort Hausaufgaben gemacht, danach Pizza-Kartons gefaltet“, erzählt Cemil. „Wenn wir das geschafft hatten, durften wir uns ein Eis holen.“ Gemeinsamen Urlaub mit der Familie gab es zu dieser Zeit so gut wie nie. Vor 23 Uhr war Cemil selten zu Hause. Das Familienleben rückte häufig in den Hintergrund. Doch Aysun war sich der Umstände bewusst, hatte Verständnis. Sie und Cemil kannten sich schon seit der Schule.

Als Barista zurück in der Gastronomie: „Meine Erfahrungen haben mich gestärkt“

Er hatte schon immer den Wunsch, sein eigenes Ding zu machen. „Ich wollte einfach raus und das machen, worauf ich Bock habe“, meint er. Doch zwei Projekte, die er voller Leidenschaft verfolgte, liefen nicht wie geplant. „Ich war vielleicht etwas stur, getrieben vom Wunsch, einen eigenen Betrieb aufzubauen“, erzählt Cemil. Mit zwei Partnern eröffnete er einen Gastro-Betrieb, doch das Konzept ging nicht auf. Für ein halbes Jahr ernährte Cemil die Familie danach als Assistent der Geschäftsführung in einer Hamelner Produktionsfirma. Dann übernahm er den Onlineshop eines Kollegen.

Mit einer eigenen Kaffeebar zurück in der Gastro: Aysun und Cemil Teke erzählen Moritz Muschik ihre Geschichte.

Zusammen mit Aysun verkaufte er über das Internet VW-Käfer-Teile in die Türkei. „Wir haben echt hart gearbeitet. Ich war von 7 bis 16 Uhr mit dem Shop beschäftigt und stand von 17 bis 23 Uhr in der Küche“, sagt Cemil, der seine Eltern weiterhin in der Pizzeria unterstützte. „Das waren die schlimmsten Zeiten. Ich wollte mir auch selbst was beweisen nach dem Patzer. Ich dachte: Dieses Mal klappt es.“ Doch es lief nicht wie geplant.

„Mein Körper hat
die Notbremse gezogen“

Es war ein Mittwoch. Ich bin durchgeschwitzt aufgewacht und meinte: „Aysun, mir geht es nicht gut.“ Ich hatte so starke Rückenschmerzen und ein Drücken am Brustkorb. Ich bin aufgestanden und bin umgekippt. Mein Körper hat die Notbremse gezogen. Mein Vater hat einen Krankenwagen gerufen. Meine Werte waren im Keller. Von heute auf morgen haben wir gesagt: Das geht so nicht weiter. Aysun war schwanger im achten Monat und hat noch Pakete verteilt. Ich konnte mich nicht richtig bewegen. Wir haben einen Schlussstrich gezogen.

Cemil Teke entschied sich für einen Lebenswandel

Die Barista: Diese Story steckt hinter dem neuen Café in der Bahnhofstraße in Hameln

So richtig glücklich wurden Aysun und Cemil erst wieder, als sie die Liebe zum Kaffee neu für sich entdeckten. Diese Leidenschaft trug Cemil schon länger in sich. Nun aber verbrauchte er bis zu zwölf Liter Milch am Tag, um die sogenannte „Latte Art“ zu erlernen. Er las viel über Kaffee, brachte sich die „Kaffeekunst“ teilweise selbst bei. Dann kaufte das Paar einen VW-Käfer, einen passenden Anhänger und baute ihn um als mobile Kaffeebar, um auf einem VW-Treffen in Wolfsburg Kaffee zu verkaufen. „Es war Neuland für uns, aber es lief gut“, erinnert sich Cemil. 2016 eröffneten Aysun und er dann eine kleine Kaffeebar in Hessisch Oldendorf.

Über Kaffee-Catering auf Messen zurück ins Glück

Das Café in Hessisch Oldendorf gaben sie dann jedoch an eine andere Betreiberin weiter. Denn Cemil war parallel auf Messen in ganz Deutschland unterwegs. Nach dem Weinfest in Hameln hatte er die Firma Lenze zum ersten Mal auf eine Messe nach Nürnberg begleitet. Für den ersten Messe-Einsatz hatte er sich noch Equipment und einen Bulli der Partner-Rösterei Machwitz aus Hannover ausgeliehen. Inzwischen ist er europaweit unterwegs, um auf Veranstaltungen und Messen Kaffee anzubieten. Dazu hat er in Hessisch Oldendorf einen eigenen Showroom, wo sich Auftraggeber vorab die verschiedenen Maschinen und Theken anschauen können. „Unser Auftreten ist ein Hingucker“, sagt Cemil. Für seine Werkbank, die er als Theke nutzt, oder die alte APE zum Beispiel hat er viel Lob bekommen.

Barista Cemil sagt: „Wer einen Traum hat, soll ihn verfolgen“

Das gute Feedback der Leute ist wie eine Adrenalinspritze für uns. Wir haben ein Juwel in der Hand. Aber er wird erst zum Diamanten, wenn du ihn richtig schleifst. Erst dann wird er richtig wertvoll. Mit der Kaffeebar haben wir diesen Juwel in der Hand. Und wir lassen ihn nicht mehr los.

Cemil Teke über die neue Kaffeebar in Hameln
Blick nach vorn: Cemil Teke hat aus seinen Erfahrungen gelernt.

Cemil nimmt einen letzten Schluck vom Filterkaffee. Es ist eine Röstung aus dem Kongo. Auch diese Spezialität möchte er seinen Gästen nun in der neuen Kaffeebar anbieten. Er steht auf, lehnt sich an die Theke vor dem großen Fenster und schaut nach draußen. Sein Blick geht nach vorn.

Wer einen Traum hat, soll ihn verfolgen. Du kannst nicht immer Autobahn fahren. Du musst auch mal die Landstraße nehmen, um dort hinzukommen, wo du hin möchtest. Aber wenn du nur Autobahn fährst und jedes Mal meckerst, wenn du im Stau stehst, aussteigst und aufhörst, Auto zu fahren, kommst du nie an.

Cemil Teke ist angekommen. Die Liebe zum Kaffee, die er nach schwierigen Zeiten neu für sich entdeckt hat, möchte er jetzt an seine Gäste weitergeben. Aysun unterstützt ihn dabei. „Was wir jetzt sind, habe ich ihr zu verdanken“, wiederholt Cemil und lächelt seine Frau an – unter der Weltkarte aus Kaffeebohnen.

Text: Moritz Muschik
Fotos: Chris Kursikowski

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