Franziska Winkler

Als Franziska Winkler aus Berlin nach Hameln kommt, ist das für sie ein kleiner Kulturschock. Inzwischen fühlt sie sich hier fast so wohl wie am Sandstrand von Skagen. Das liegt an neuen Freunden, die ihr Halt geben – und den Klütturm zeigen.

Neuer Halt in Hameln

Die warmen Sommertage sind vorbei. An diesen Tag in der Beach Bar erinnert sich Franziska Winkler aber gern zurück: Sie nippt an ihrem Cocktail, streicht mit ihren Füßen durch den Sand. Die Abendsonne versinkt langsam hinter dem Klütwald. Dorthin blickt Franzi, wie Freunde sie nennen, und entdeckt diesen großen Turm, der seit 175 Jahren über Hameln thront. Franzi war noch nie da oben. Ein Freund der Beach-Bar-Runde kann es kaum fassen. Zwei Jahre in Hameln und noch nie auf dem Klütturm? Geht doch nicht. „Es war mir ein bisschen peinlich“, sagt Franzi und schmunzelt. „Also hat mich ein paar Tage später eine Arbeitskollegin nach Feierabend eingepackt und wir sind hochgefahren.“ Das war so ein Moment.

Hier in Hameln fühlt sich Franziska Winkler wohl. Dabei ist das Leben in der Kleinstadt nach der Zeit in Berlin für sie zunächst einkleiner Kulturschock. „Du kommst an und denkst: O Gott, das ist alles so klein. Teilweise hatte ich das Gefühl, man wird angeguckt, weil man Lippenstift trägt“, sagt sie und nimmt einen Schluck Bier im Kerzenschein einer Hamelner Kneipe. In Berlin habe sie oft hohe Schuhe getragen, meint sie. Hier sei sie eher zum „Sneaker-Girl“ geworden. Das liege am ersten, kleinen Kulturschock. Und am Pflaster in Hamelns Innenstadt.

Franziska Winkler: Vier Wohnungen in drei Jahren Berlin

Berlin ist für sie anfangs ein hartes Pflaster. Nach ihrem Bachelor in Göttingen ­– Studiengang: Skandinavistik und Finnougristik –beginnt sie ihren Master in Editionswissenschaften. „Ich habe wunderbare Menschen in Göttingen kennengelernt, wollte mich aber weiterentwickeln“, erzählt sie. Also schreibt sie sich an der Freien Universität ein. Nur: Eine Wohnung fehlt. „Es war Horror. Erst habe ich bei einer Freundin auf dem Sofa gepennt. Ich hatte diesen unglaublichen Druck, dass ich eine Wohnung finden musste“, sagt Franzi. „Das hat mich ziemlich mitgenommen.“

An die Zeit in Berlin denkt Franzi gern zurück. Größtenteils.

Es gibt Abende, an denen sie auf dem Weg zur nächsten Besichtigung durch Berlins Straßen zieht – und weint. „Ich hatte so einen Druck“, sagt sie. Und ihre Stimme wird für einen Moment ernst. Es sei eine harte Zeit gewesen. „Sie hat mich aber auch stärker gemacht“, meint Franzi.Nach langem Suchen findet sie eine WG, wohnt erst zur Zwischenmiete in Wedding.In drei Jahren Berlin wechselt sie viermal die Wohnung. Trotzdem genießt sie die Zeit. „Ich bin oft mit der U-Bahn rumgegurkt. Man ist einfach überall so schnell.“

So kam Franziska Winkler nach Hameln

Nach der Zeit in Berlin bewirbt sie sich deutschlandweit aufeinen Platz als Volontärin, findet ihn bei der Dewezet. In Hameln wird die 30-Jährige schnell wieder zum Landei. „Ich dachte erst, ich bleibe nicht lange hier, gehe wieder in die Großstadt“, sagt sie und schiebt den Grund hinterher,warum sie geblieben ist: „Ich habe so viele gute Menschen kennengelernt. Das finde ich großartig, ich bin so dankbar.“ Wenn die Leute glücklich sind, mit denen sie zusammen ist, fühlt sich Franzi gut. Sie ist auch glücklich an den Orten, an denen sie gern ist. Am Klütturm, am Meer – und in Dänemark.

Ich teile schöne Momente am liebsten mit Leuten.

Franziska Winkler
Franzi liebt Dänemark und das Meer.

„Seit ich zwei bin, bin ich jedes Jahr dort gewesen“,erzählt sie. Erst fährt sie mit ihren Eltern dorthin in den Urlaub, später mit Freunden. „Ich liebe das Land, sauge da einfach alles auf.“ Dieses Gefühl von Freiheit sei das Schönste. „Wenn ich aufs Meer gucke, denke ich immer: Wow, es kommt jetzt ganz, ganz lange nichts mehr. Das ist so faszinierend. Ich kann tief durchatmen, dann fallen alle Sorgen ab.“ Dänemark muss sie sich einmal im Jahr gönnen. Ganz allein war sie aber noch nie da. „Ich teile schöne Momente am liebsten mit Leuten“, sagt sie. Wie den Klütturm-Besuch.

Am Meer vergesse ich alle Sorgen.

Franziska Winkler

In Dänemark liebt es Franzi vor allem an der Küste, am Strand von Skagen. „Am Meer vergesse ich alle Sorgen“, sagt sie. Dann deutet sie auf die Uhr mit dem weißen Ziffernblatt und der goldenen Umrandung. Auch ihre Kleidung ist meist von skandinavischen Designern. „Meine Liebe zu dem Land drückt sich auch so aus“, sagt sie. Franzi mag den Stil, das Minimalistische, das gute Design. „Dass es gemacht ist zum Leben.“ Viele ihrer Klamotten sind Lieblingsstücke, mit denen sie kleine Geschichten verbindet. Den dunklen Pullover, den sie trägt, hat sie auf der Fahrt nach Dänemark gekauft.

Als Kind sucht Franziska Winkler ihrer Mutter die Jeans aus

Franzi liebt das Minimalistische, das gute Design.

Design und Mode sind ihr wichtig. „Als kleines Kind habe ich meiner Mama die Jeans ausgesucht“, sagt Franzi und schmunzelt: „Sie hat sie tatsächlich gekauft.“ Mode ist für sie nicht oberflächlich. „Man drückt über die Kleidung seine Persönlichkeit aus. Das Schöne ist, dass man so spielen kann.“ Sie versucht, durch ihre Outfits aus der Masse heraus zu stechen. „Ich bin nicht so wie jeder andere, möchte ich auch gar nicht sein. Ich stehe zu hundert Prozent hinter den Sachen, die ich trage, fühle mich wohl damit. Da ist mir dann wirklich egal, was die anderen denken.“

Franzi sagt, sie könne gut allein sein, sei aber eher ein geselliger Mensch. Momente wie den Klütturm-Besuch teilt sie am liebsten mit Freunden. Sie, Freunde und Momente, geben ihr Halt. „Wenn ich mit den Leuten,die ich gerne mag, zusammen bin, wir zusammen lachen, weinen oder auch streiten, habe ich unglaublich viel Dankbarkeit in mir“, sagt sie. „Deswegen sage ich auch mal: Es ist so schön, dass es dich gibt. Oder danke, dass du für mich da bist.“ Solche Menschen hat sie in Hameln gefunden. Sie halten sie hier.

„Die Menschen halten mich hier.“

Text: Moritz Muschik / MoritzMuschik.de
Bilder: Christian Manthey /
Hameln-Fotografie.de