Giovanni Dicorato

Giovanni Dicorato braucht Luft. Luft zum Atmen. Nicht in der Großstadt, nicht in Hannover. Sondern an einem Ort, an dem er abschalten kann. An dem er sich wohl fühlt. Für ihn ist das Hameln. Er hat sich in die Stadt verliebt. Hier arbeitet er an seinem Traum.

Hameln, meine Oase

Wenn Giovanni Dicorato über seine Tattoos spricht, dann sprechen die Tattoos aus ihm. Sie erzählen seine Geschichte, stehen für die Art, wie der gebürtige Hannoveraner mit italienischen Wurzeln lebt. „Auf dem rechten Arm in der Mitte ist die Uhr des Lebens“, sagt Gio, wie Freunde ihn nennen – und schiebt den Ärmel seines Pullovers an diesem kalten Winterabend ein bisschen nach oben. So können wir die schwarzen Vögel sehen, die von der Uhr emporsteigen. „Wenn die Uhr eines Tages stehen bleibt“, meint Gio. Unter der Uhr: ein Schlüssel. „Er soll das Tor zum Paradies öffnen.“

Giovanni Dicorato Portrait
Giovanni Dicorato erzählt Moritz Muschik von seinem Leben.

Der Schlüssel – und hier wird es typisch für Giovanni – ist geformt zu einem Taktstock. „Damit ich das Tor überhaupt finde“, fährt er fort, „habe ich auf der Rückseite meines Arms einen Kompass“. Das N, das für den Norden steht, kürzt auch den Vornamen seiner Mutter ab. „Sie soll mir den Weg weisen. Ich werde sie finden anhand eines Sterns.“ Der Stern wiederum findet sich an seiner Halsschlagader, unter dem Schnuller, der für seinen Sohn stehen soll – neben dem Super-Mario-Motiv und der Satellitenschüssel. „Im verrückten Universum“, schmunzelt Gio.

Giovanni Dicorato Tattoos
Giovanni lebt in seinem, “verrückten” Universum. Das zeigen auch seine Tattoos.

Giovanni Dicorato: Extravagant, entschlossen, engagiert

Ein bisschen extravagant, etwas verrückt vielleicht, vor allem aber entschlossen, kreativ und lebensfroh: So ist Giovanni Dicorato. Gerade ist er dabei, seinen Lebensstil, seine Einstellung zu hinterfragen, neu auszurichten. „Mindset“ nennt er das. „Ich habe die Flucht aus Hannover ergriffen, weil ich einfach Luft zum Atmen brauchte“, meint er und erzählt davon, wie er nach Hameln kam, wie er sein Denken grundlegend ändern will:

„Brauchst du diese Freunde, die sich jedes Wochenende auf irgendeiner Party abknallen und nur Frauen abschleppen? Brauchst du sowas? Nein, brauchst du nicht. Du musst dich auf deine Karriere konzentrieren. Meinen Freundeskreis habe ich mir komplett neu aufgebaut – mit Leuten, die mich voranbringen, mir in meinem Denken helfen, mich unterstützen können. Leute, auf die ich mich 110 Prozent verlassen kann.“

Giovanni, hat sich entschieden
Giovanni liebt die Musik. Wenn er nach Hause kommt, produziert er bis tief in die Nacht.

Diese Leute hat er auch in Hameln gefunden. Vor allem aber hat er hier seine Freundin, die er über Freundesfreunde kennengelernt hat. „Traumfrau“, sagt Gio und lächelt, wenn er über sie redet. Nach drei, vier Monaten haben der gelernte Mediengestalter für Bild und Ton und seine Freundin sich entschlossen, zusammenzuziehen. Jetzt erwarten sie einen Sohn. „Lebt euer Leben, wie ihr leben wollt“, meint Giovanni. Dazu zählt für ihn ganz besonders die Musik.

„Als mein Vater so alt war wie ich jetzt, war er auch DJ. Das hat mich immer interessiert. Mich hat fasziniert, wie er von einem zum anderen Musiktitel switcht. Irgendwann war mir das aber nicht mehr genug, ich wollte meine eigenen Beats, meine eigenen musikalischen Werke schaffen. Und selbst entscheiden: Wann droppt das Saxofon auf, wann kommt der Sänger oder Rapper hinein? Ich dachte mir: Du brauchst Software und einen Laptop. Gekauft, programmiert, ab die Post. Das mache ich jetzt seit zehn Jahren.“

Giovanni, liebt Musik
Nimm das Leben nicht immer so ernst. Meint Giovanni. Und er meint es ernst.

Geht Giovannis Reise in Hameln weiter?

Wenn Giovanni abends nach Hause kommt und – das ist ihm wichtig – etwas Gutes gegessen hat, nimmt er sich den Laptop, setzt die Kopfhörer auf und vergisst die Zeit. „Es ist ein sehr beruhigendes Hobby“, meint er. „Du kannst deine eigene musikalische Welt erschaffen. Du hast sogar die Möglichkeit, deine eigene Geschichte zu erzählen, ohne dass jemand singt oder rappt. Du lässt die Töne sprechen, die Instrumente, sie erzählen dir die Geschichte. Musik öffnet für mich ein Paralleluniversum.“

Giovanni will nach oben, sein eigener Chef sein, am liebsten Geld mit der Musik verdienen.

In dieses Paralleluniversum taucht er ab – auch mithilfe einer fiktiven Figur, die er kreiert hat. „On druxs ist die kleine fiktive Figur von mir selbst in meinem Kopf, die Sachen machen möchte, die sich andere Künstler nicht trauen“, meint Gio. Er lässt sich von Musik aus den 30ern bis 60ern inspirieren, nutzt schnelle Geschwindigkeiten in seinen Produktionen. Vier Songs hat er bereits mit anderen Künstlern aufgenommen. Der Rest ist Training: „Ich produziere eine Zeit lang, formatiere dann meine Festplatte, lösche alles, fange wieder von vorne an, damit ich mich nicht von meinen alten Leistungen ablenken lasse. So muss die Reise auch weitergehen.“

Aus Liebe zur Straßenbahn

Giovanni und Moritz in der Baustraße. Ohne Straßenbahn. Aber mit Kleinstadtflair.

Zurzeit geht die Reise in Hameln weiter. „Hameln ist der perfekte Ort, um sich selbst zu finden. Eine kleine Oase, mein kleines Babylon. Hier fühlt man sich wohl, hier nervt einen keiner.“ Er mag das mittelalterliche Flair und, ja, auch das „kulturelle Treiben“, den „anderen Lifestyle hier“. Hier in Hameln sei es „egal, wie man aussieht oder wer man ist“: „Hauptsache, man hat Spaß zusammen.“ Trotzdem: Ein bisschen vermisst Giovanni das Großstadtflair schon:

„Du gehst morgens aus deiner Wohnung, trinkst deinen Kaffee, setzt die Kopfhörer auf, lässt dich in der Straßenbahn zur Arbeit fahren, genießt einfach das Großstadtfeeling. Hannover ist mein kleines New York City. Hameln ist so ein kleines Paradies. Hier kann man wunderschön abschalten.“

Giovanni, wohnt im Paradies
Angekommen in Hameln: Giovanni fühlt sich hier zu Hause.

Abschalten. Darum ist Gio nach Hameln gekommen. „Ich habe mich zu sehr vom System ablenken lassen. Es musste was Neues passieren“, sagt er. In seiner Wohnung in Hameln hält er auf einem Whiteboard seit Kurzem fest, was er erreichen möchte – und was nicht. Bis er 30 ist, möchte er finanziell unabhängig sein, als Musiker sein Geld verdienen. „Leb dein Leben, wie du es leben willst“, wiederholt Giovanni. Zu seinem „verrückten Universum“ gehört inzwischen auch Hameln.

Text: Moritz Muschik / MoritzMuschik.de

Fotos: Christian Manthey / Hameln-Fotografie.de


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