Nick March

„Mehr Songs, mehr Vergangenheit“: Der Newcomer im Interview

Newcomer Nick March aus Hameln lebt den Traum von einer Karriere als Singer-Songwriter. 2016 unterschrieb der damals 25-Jährige Nick March seinen ersten Plattenvertrag. Nach sechs Jahren bei der Bundeswehr will der Musiker, der in Hamburg wohnt, jetzt durchstarten. Ein Gespräch über einen überraschenden Besuch von Johannes Oerding, vergessene Songtexte und den harten Weg ins Musik-Business.

Nick March über …

… seinen ersten Soloauftritt:

„Ich war 14 Jahre alt und Schüler der KGS Salzhemmendorf. Mein Musiklehrer meinte: ‚Bevor du die Schule wechselst, spiel doch einen Song auf dem Schulfest.‘ Also wurde ich eingeplant. Irgendwie hatte ich verpasst, dass es Proben gab. Ich wurde mehr oder weniger auf die Bühne geschubst – und habe ‚Sorry seems to be the hardest word‘ von Elton John gesungen. Am Klavier habe ich mich dann selbst begleitet. Ich glaube, ich war wirklich schlecht. Aber die Leute haben wohl den Mut gefeiert und ich dachte: Das fühlt sich gar nicht so schlecht an.“

Nick March im Gespräch mit Moritz Muschik.

Nick March im Gespräch mit Moritz Muschik.

… seine zweite Band „March“:

„Die Zeit von 2009 bis 2011 war grandios. Wir (Gitarrist Sebastian Zehbe, Bassist Timo Tuckfeld und Drummer Fabian Kentsch, Anm. d. Red.) waren oft organisatorisch unprofessionell, aber trotzdem mit Leidenschaft dabei. Eines unserer Highlights war definitiv, beim School Jam teilgenommen zu haben. Wir wurden damals unter mehr als tausend Bands ausgewählt, beim Vorentscheid zu spielen. Vor meinem Abitur am Schiller-Gymnasium Hameln 2010 war das. Wir sind zum Auftritt nach Hannover gefahren, hatten sogar nur sehr kurzfristig ein Keyboard auftreiben können. Das war ganz kurios. Aber wir haben gespielt und sind weitergekommen. Dadurch haben wir es unter die Top 14 in Deutschland geschafft. Es war eine tolle Zeit, zum ersten Mal im Studio, die ersten Musikvideos.“

Nick March ist auf dem Weg ins Musik-Business.

Nick March über …

vergessene Songtexte auf der Bühne:

„Es gab mal ein Konzert auf dem Hausboot ‚Task‘ in Hameln. Dort gebe ich immer mein erstes Solokonzert des Jahres. Ich habe ‚Song für Jil‘ gespielt und plötzlich gemerkt: ‚Nick, du weißt nicht, wie die zweite Strophe geht.‘ Während des Songs höre ich auf, rufe ins Publikum: ‚Weiß jemand den Anfang der zweiten Strophe?‘ Die Bude war voll. Gefühlt dauerte es fünf Minuten, bis jemand von ganz hinten rief: ‚Steht das nicht auf der Autogrammkarte? Ich brauche keine Rückspiegel, wenn alles vor mir liegt?‘ Und ja, das war die Zeile. Ich habe um die 50 Songs bisher geschrieben. Das ist zwar nicht viel, aber dadurch, dass einige Sätze im Laufe der Zeit auch mal abgeändert werden, hängst du manchmal noch im alten Songgewühl rum.“

Ein schmaler Grat: Genug Gefühl vermitteln, damit das Publikum dir glaubt, aber nicht zu sehr reinsteigern, damit du nicht traurig wirst.

… Inspiration:

„Ich bin ein sehr glücklicher und optimistischer Mensch. Aber besonders früher fiel es mir schwer, Songs zu schreiben, wenn ich glücklich war. Meine erste große Trennung hatte ich mit 21 Jahren und habe danach fast ein ganzes Album geschrieben, ich glaube fast zehn Songs am Stück. Viele davon sind in der Schublade verschwunden, die werden wahrscheinlich nie wieder angefasst. Ich nutze Songs als effektive Selbsttherapie, egal ob sie veröffentlicht werden oder nicht. Ich kanalisiere dadurch. Vielleicht bin ich auch ein sehr glücklicher Mensch. Ein Song kann auch wie ein Tagebucheintrag sein. Manchmal ein guter, manchmal ein schlechter. Je mehr Songs du sammelst, desto mehr Vergangenheit hast du bei dir. Aber davon musst du auf der Bühne auch etwas Abstand nehmen können. Ein schmaler Grat: Genug Gefühl vermitteln, damit das Publikum dir glaubt, aber nicht zu sehr reinsteigern, damit du nicht traurig wirst.“

… Songschnipsel auf dem Handy:

„Fast immer, wenn ich eine Idee habe, nehme ich sie auf. Auf meinen letzten drei, vier Handys habe ich viele Aufnahmen, die ich noch nicht verarbeitet habe. Die man aber mal verarbeiten müsste. So kam es auch, dass ich meinem Produzenten Mark Smith ein fast fertiges Lied vorgespielt habe, das ich 2011 aufgenommen hatte. Daraus haben wir dann mit ein paar kleinen Änderungen ‚Zeit zurück‘ gemacht.”

Nick March über …

… den harten Weg ins Musik-Business:

„Momentan ist der Markt sehr gesättigt mit jungen Männern mit Gitarre die deutsch singen. Und es hat keinen Wiedererkennungswert, Songs ohne Alleinstellungsmerkmal zu produzieren. Wir suchen zurzeit also DAS Konzept. Ich bin mit handgemachten Rock groß geworden. Auf Konzerten kann ich daher richtig abgehen, wenn ich will. Das wissen meine Fans auch. Deswegen versuche ich, jetzt etwas mehr in die Richtung vorzustoßen.“

… den ersten Kontakt mit Produzent Mark Smith:

„Ich hatte Fans gefragt, in welcher Stadt ich als nächstes spielen könnte – in der näheren Umgebung von Hamburg. Als jemand aus Oldenburg meinte: ‚Fahr nicht nach Neumünster, da ist nichts los!‘ hat das sofort mein Entdeckerherz geweckt. Also bin ich hin und habe vor circa 30 Leuten gespielt. Am nächsten Tag schrieb mich ein gewisser Mark Smith bei Facebook an. Jemand aus seiner Geburtsstadt Neumünster hätte ihm gesteckt, dass ich gespielt habe. Er fragte nach einem Treffen. Ich war erst skeptisch, musste googeln. Es hatte sich – wie wir heute wissen – alles als wahr herausgestellt. Aber ich wusste auch, dass sehr viel schiefgehen kann. Also bin ich mit einer niedrigen Erwartungshaltung zu ihm gefahren und habe nach ein wenig Smalltalk ein paar meiner Songs vorgespielt. Der dritte Song war ‚Schwarz-Weiß‘, der gefiel Mark auf Anhieb. Wir haben ihn zusammen ein wenig umgeschrieben und sofort aufgenommen. Das wurde unsere erste Demo.“

Nick March im HamelnR-Interview

“Auf Konzerten kann ich richtig abgehen, wenn ich will.”

Nick March über …

… einen überraschenden Besuch von Johannes Oerding:

„Mein Produzent Mark meinte vor einem Tour-Konzert in Hamburg: ‚Setz Johannes auf die Gästeliste. Ich habe ihn eingeladen, vielleicht kommt er kurz vorbei.‘ Als Johannes durch die Tür kam, sprach ich gerade mit dem Tontechniker. Als ich ihn sah, versteckte ich mich hinter einem Sichtschutz. Der Tontechniker schaute mich verwundert an: ‚Was ist denn?‘ Ich musste grinsen: ‚Johannes Oerding ist da!‘ Und er so: ‚Na und?‘ Ich wollte eigentlich total cool meine Show abspulen, das hat aber zu Beginn Anfang auf jeden Fall nicht geklappt. Erst zum Ende hin kam ich mehr aus mir heraus. Nach dem Gig haben wir uns anderthalb Stunden ausgetauscht. Es war richtig herzlich.“

… sich als Gefühlsmensch:

„Ja, ich bin ein Gefühlsmensch. Aber ich bin nach meinen Erfahrungen deutlich kühler und ein wenig egoistischer geworden. Ich pfeife oft auf die Meinung anderer. Sonst wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin. Früher habe ich sehr schnulzige Songs geschrieben. Natürlich bin ich jetzt immer noch in diesem Element. Aber die Leute merken, dass es authentisch ist, was ich mache. Wenn du dich die ganze Zeit verstellen musst, musst du ein guter Schauspieler sein. Und ich glaube nicht, dass ich das bin.“

“Ich bin ein glücklicher und optimistischer Mensch”

Nick March über …

… Straßenmusik:

„Die Straße ist und bleibt die offenste und ehrlichste Bühne der Welt – egal wo. 2011 ging mal jemand in Hannover an mir vorbei und schrie: ‚Du singst scheiße.‘ Damals hat mich das schon ein wenig beschäftigt. Inzwischen kratzt mich das nicht mehr. Du kannst den Leuten schließlich nicht in den Kopf schauen. Wer wäre ich, so eingebildet zu sein, zu meinen: Ich muss jedem gefallen. Ich wäre eine Nutte. Ich will, dass sich meine Musik den Weg zu meinen Fans findet. Ich covere nicht jeden aktuellen Song auf Youtube, um bekannter zu werden. Ich gönne jedem seinen Erfolg und seine Herangehensweise. Aber ich möchte eine andere Schiene fahren, fast nur meine Songs spielen. Und das ist natürlich nicht so einfach.“

… Selbstverwirklichung:

„Ich bin realistisch. Als Musiker musst du viel aufopfern. Manchmal hast du an einem Tag einen Auftritt, verdienst damit Geld. Aber du hast den kompletten Tag damit zu tun, bis zu zwölf Stunden. Die Leute sehen nicht, wie viel Geld in Equipment steckt oder wie viele Stunden ich mich hingesetzt und Songs geschrieben, geübt habe. Dementsprechend ist mein Weg für mich selbst am ehesten die Selbstverwirklichung. Mit jeder Aufgabe und jedem Auftritt wächst du.“

 

Text: Moritz Muschik / MoritzMuschik.de

Fotos: Christian Manthey / Hameln-Fotografie.de

 

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