Was andere harte Arbeit nennen, ist für Jannes Lange, Julius Reiner und Christoph Schaper Freizeitgestaltung. Sie haben alle studiert und gute Jobs. Doch die „Jungs vom Land“ sind mehr gewohnt als einen Acht-Stunden-Job. Und als dann noch die Pandemie für Langeweile sorgte, kamen die Ideen.
Alle drei haben zuhause Streuobstwiesen, Äpfel und Birnen, die kaum jemand noch erntet. „Das Obst von Straßenbäumen hebt auch keiner mehr auf“, fiel Schaper auf. „Da liegt bares Geld auf der Straße“, dachte sich der Bänker und erinnerte sich an die gute alte Zeit, als die Oma noch ihre legendären Liköre daraus zauberte. Er dachte sich, das kann ja nicht so schwer sein, und experimentierte herum. Erfolgreich. Der erste Apfelsaft schmeckte.

Alle drei begannen, ihr Obst einzusammeln, wie sie erzählen. Mit einem Abbeergerät, auch Rebler genannt, würden normalerweise Weintrauben von ihren Stielen und Kämmen entfernt. So ein Gerät besorgten sie sich und dachten: „Damit kann man doch bestimmt auch die Äpfel schreddern, bevor sie entsaftet werden“.
Doch die Boskops seien stärker als die Maschine gewesen und so habe diese nicht lange gehalten. Auch stellten sie schnell fest, dass es nicht ausreichte, den Saft aus den Äpfeln zu pressen. Damit er länger halte, müsse er pasteurisiert, durch Erhitzen keimarm gemacht werden, sonst gäre er schnell.
Abnehmer seien schnell gefunden worden
Gären sei gut für Apfelwein, aber nicht für Apfelsaft. Für ihre rund 500 Liter Apfelsaft hätten sie schnell Abnehmer gehabt und bei Ebay-Kleinanzeigen einen günstigen Durchlauf-Pasteurisator gefunden. Das sei im Jahr 2021 gewesen. Im darauffolgenden Jahr seien dann Apfel- und Kirschwein dazugekommen.
Als sie eine Fuhre Augustäpfel verarbeitet hatten, stellten sie fest, dass sich der Apfel nicht so lecker verarbeiten lässt, erinnern sie sich. „Wir haben doch noch Kirschentrester übrig. Mischen wir das doch.“ Inzwischen gehöre ihr Kirsch-Apfel-Secco zu den Rennern.
Eine eigene Firma entsteht
In den folgenden Jahren sei mit allen Obstsorten, die in ihren Gärten wachsen, experimentiert, Liköre und Schnäpse hergestellt und die alten Rezepte der Oma hervorgeholt worden. Unter dem Namen Wesermost gründeten sie ihre eigene Firma. „Wir versuchen, alles selbst zu machen, und haben viel Unterstützung von unseren Familien und Freunden.“ Selbst die Bürgermeisterin unterstützte die junge Firma.
Die Firmeninhaber entwickelten ihre Pläne weiter. Die Idee, Wein anzubauen, sei entstanden. „Es gibt inzwischen einige Rebsorten, die gut mit kälterer Witterung klarkommen und dabei noch als resistent gegen Schädlinge gelten.“ Zu den sogenannten Piwi-Reben (pilzwiderstandsfähige Rebsorten) würden unter anderem Souvignier Gris, Solaris, Muscaris und Monarch gehören. Sie pflanzten als Experiment auf einem Südhang 380 Reben mit Piwis, erzählen sie. Das sei drei Jahre her. Ein paar Weintrauben haben sie schon ernten können, aber Reben bräuchten ein paar Jahre, bis sie genug tragen.
Etwa 2,4 Hektar Land besitzen die drei mittlerweile
Offiziell werde seit 2016 Wein in Niedersachsen angebaut. Wer auf mehr als 0,1 Hektar Fläche Wein anbaue, brauche dafür die Genehmigung der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Weinanbau sei in Deutschland, so auch in Niedersachsen, streng reglementiert.
Für Jannes Lange, Julius Reiner und Christoph Schaper eine schöne Herausforderung. Inzwischen haben sie laut eigener Angabe 2,4 Hektar Land gekauft und die Hälfte davon von professionellen Lohnpflanzern aus Würzburg mit 5.500 Reben verschiedener Piwi-Sorten setzen lassen. „Sie haben spezielle Maschinen, mit denen sie die Reben sehr gleichmäßig auf gerader Linie pflanzen“, so Schaper. Das sei wichtig für die Pflege und Ernte. „Die Pflanzer kamen von der Arbeit aus Schweden und haben für unseren Weinberg auf ihrer Heimreise einen Zwischenstopp gemacht.“
Jannes Lange sagt, dass es kaum Weinbauern in der Region gibt. Das habe zur Folge, dass zum Beispiel ein defekter weinbergtauglicher Trecker nicht mal eben bei einem „Nachbarn“ ausgeliehen werden könne. „Wir haben daher die Reben gleich mit mehr Abstand als üblich pflanzen lassen.“
Nächstes Event mit Wesermost am 5. September

Einnahmen machen sie, wie sie erzählen, fast von Anfang an. Sie hätten feste Abnehmer für ihre Produkte, dazu einen Online-Verkaufsshop und seien auf großen Events mit einem Verkaufsstand und einer Theke vertreten. Und sie hätten immer Freunde und Familie zur Unterstützung dabei. Schon bald, am 5. September, bauen sie abends auch beim „Baron on fire“ in Bodenwerder ihren Stand mit Bar auf.
Sie ernten ihre Früchte selbst, sind in den Produktionsablauf eingebunden, kümmern sich um die Vermarktung, den Bürokram und den Verkauf selbst. Wobei „sie“ die Familien einschließe. Keiner von ihnen sei Landwirt, geschweige denn Winzer. „Ich habe ein Buch für Winzer im ersten Lehrjahr an meinem Bett liegen“, gesteht Schaper. Einer von ihnen, Julius Reiner, ist 2. Vorsitzender beim Niedersächsischen Weinbauverband.
Was bewegt drei Männer, die noch keine 30 Jahre alt sind, freiwillig neben ihrem eigentlichen Job, ein so arbeitsintensives Unternehmen zu gründen, und ohne Vorkenntnisse oder entsprechende Ausbildung Wein anzubauen?
Nachmittags im Büro, abends auf dem Acker
Christoph Schaper sagt dazu: „Meine Familie ist seit Generationen selbstständig. Mein Vater war Malermeister, und ich habe schon immer im Betrieb mitgeholfen. Seit es den nicht mehr gibt, war da eine Leere.“ Seine Freunde würden ihn als den Kellermeister bezeichnen. „Ist ja auch sein Keller“, geben die beiden zum Besten. Noch. Denn inzwischen hätten sie den Ottensteiner Burgkeller erworben.
Jannes Lange findet: „Nach einem ganzen Tag im Büro ist es klasse, am Nachmittag mit einem Trecker über den Acker zu fahren.“ Er ist der Techniker des Betriebs. Zusammen mit seinem Vater kümmere er sich um Installationen, Wartung und Reparaturen der Maschinen.
Julius Reiner sieht das so: „Wenn ich Feierabend habe, klappe ich meinen Laptop zu und starte den Wesermost-Rechner. Außerdem bin ich hier das Mädchen für alles.“ Das treffe den Nagel auf den Punkt, so seine Freunde.
Fotos: Sabine Robels / Karen Schreiber