Wieso Evelin Lindner auf der ganzen Welt zu Hause ist

Evelin Lindner lebt für mehr Menschenwürde. Dazu ist sie auf der ganzen Welt zu Hause, hat kein Handy oder gar Smartphone, kommuniziert gern per E-Mail. Sie gründete das Forschungsnetzwerk „Human Dignity and Humiliation Studies“, war dreimal für den Friedensnobelpreis nominiert. Zurzeit ist die 64-Jährige, die zwei Doktortitel hat, in Hameln. Das Protokoll eines bewegenden Gesprächs.

Ich habe noch niemanden getroffen, der so lebt wie ich. Es gibt viele Leute, die viel reisen und irgendwo eine Basis haben. Selbst, wenn es nur eine kleine Wohnung ist, kommen sie immer wieder dorthin zurück. Sie definieren sich als Gäste, als Reisende. Und ich definiere mich als Bürgerin des globalen Dorfes. Ich reise nicht, bin nie Gast. Aber ich bin Gast auf unserem Planeten. Ich gehe von Ort zu Ort. Ich habe auch kein Handy, weil ich mit der Ethik nicht zufrieden bin. Im Moment bin ich so oft wie möglich bei meinen Eltern in Hameln, meine Mutter ist fast, mein Vater knapp über 90 Jahre alt.

Evelin Lindner: „Ich bin ein Brückenbauer. Meine Heimat ist die ganze Welt.“

Mein Ziel ist, ein globales Netzwerk zu entwickeln von Menschen, die für mehr Menschenwürde sind. Weniger Geldorientierung, mehr direkte Menschenwürde. Wenn man so eine globale Familie der Menschenwürde entwickeln will, dann ist man viel auf der ganzen Welt unterwegs. Man muss Teil werden der verschiedenen Kontexte. Wo immer ich bin, sage ich: ‚Hier bin ich jetzt zu Hause.‘ In Orten, wo ich noch nicht war, versuche ich zu lernen, als wenn ich da geboren wäre.

Als ich zum Beispiel nach Indien kam, wurde ich in eine Familie eingebunden und habe gesagt: ‚Ich bin jetzt eure kleine Schwester. Ihr müsst mich an die Hand nehmen und mir alles erklären. Wenn ich nach zwei Monaten weggehe, möchte ich mich so fühlen, als wäre ich hier geboren.‘ Ich trage dann die Kleidung der Leute, bei denen ich wohne. Und ich nehme einen Koffer voller Geschenke mit, die ich selbst erhalten habe. Wenn ich sie verteile, mache ich Fotos: einmal von dem, der das Geschenk gegeben hat und von dem, der es bekommen hat. Die Leute verbinde ich über Mails. Ich bin ein Brückenbauer. Meine Heimat ist die ganze Welt.

Evelin Lindner hat Psychologie und Medizin studiert

Ich habe erst Psychologie studiert, dann Medizin. Aber nicht, um Psychologin oder Medizinerin zu werden, sondern um meine eigenen Studien zu machen. Ich habe in Bangkok in der Chirurgie gearbeitet. Dadurch konnte ich in Bangkok leben, weil ich Teil des Krankenhauses war. Wenn man sagt, die Menschheit ist ein Buch, dann habe ich zuerst versucht, das Inhaltsverzeichnis zu lesen.

Nur, wenn es zum Mars gehen würde, wäre es eine Reise für mich.

Evelin Lindner

Seit ich 60 bin, fühle ich mich erwachsen, die Jahre davor habe ich gelernt, vom und für das Leben. Ich plane, 120 zu werden. Man kann es ja anstreben. Eine Woche gebe ich mir dann zum Sterben. Ich teile mein Leben also so ein: Jetzt bin ich erwachsen und wende an, was ich gelernt habe. Und nicht nur um das Anwenden geht es, sondern vor Allem um das Weitergeben der eigenen Erfahrungen. Ich bin inzwischen nicht mehr unterwegs. Ich bin überall fest verankert. Stellt euch vor, ihr lebt in einem Dorf. Ist man in einem Dorf unterwegs? Nein, man ist dort zuhause. So lebe ich im globalen Dorf. Nur, wenn es zum Mars gehen würde, wäre es eine Reise für mich.

Bis 45 habe ich diesen Weg aber nicht verstanden. Ich wollte unbedingt Kinder haben und eine Familie. Ich habe nicht verstanden, dass dieses globale Projekt für mich eigentlich wichtiger ist. Ich habe mich immer dafür angeklagt, dachte, ich müsse sesshaft werden, mit einem Mann und Kindern. Als ich 45 war, war es schrecklich. Und doch fing das Leben dann für mich an – mit dem globalen Projekt. Ich merkte langsam: Das bin ich.“

📷 Christian Manthey

Weitere Storys

Entdecke aktuelle Beiträge in unserem Hameln-Magazin

Gesund & fit in der Region: Fragen und Antworten zum After Work Event am Mittwoch bei zedita in Hameln

Am Mittwoch ab 16 Uhr steigt unser letztes After Work Event in diesem Jahr. Diesmal dreht sich in Zusammenarbeit mit ...

Das ist los am Wochenende in Hameln und Umgebung

Das lange Feiertagswochenende mit Tanz in den Mai steht an. Wir verraten euch, wo was los ist. ...

Stefan Lange im Interview: „Wir haben uns einen Namen gemacht – und wollen weiter wachsen“

Stefan Lange ist seit fast 25 Jahren selbstständig – und möchte seinen Betrieb, die Glaserei Lange, weiter ausbauen. Wir haben ...

Event eintragen

Du bist Veranstalter und möchtest dein Event über unseren Veranstaltungskalender bekanntgeben? Dann übermittle uns einfach deine Infos und Daten über das Formular unten und wir fügen das Event zu unserem Event-Kalender hinzu.

Event melden - CCore
Uhr
Uhr