Ab und zu muss man auch in der eigenen Stadt mal in die Touri-Rolle springen, vor allem, wenn man Besuch hat. Das Praktische daran ist, dass man Hameln mal wieder aus einer ganz anderen Perspektive sieht, die einem im Alltag doch oft gar nicht mehr so bewusst wird. Als mein Freund Sören sich mit einer ganzen Truppe für ein Wochenende zu Besuch ankündigt, ergibt sich genau diese Gelegenheit mal wieder für mich und wir buchen eine der vielen Erlebnisführungen durch Hameln. Wir entscheiden uns für eine abendliche Stadtführung mit dem Türmer nach einem leckeren Abendessen im Hotel Stadt Hameln.










Der Türmer war im Mittelalter ein Wächter über die Stadt. Oben im Turm der St. Nikolaikirche hatte er alles gut im Blick. Wenn Gefahr drohte, also zum Beispiel ein Feuer, dann hängte er eine rote Fahne oder nachts eine rote Laterne auf, die den Menschen die Richtung wies, in die sie fliehen sollten. Unser Türmer (der eigentlich eine Türmerin ist) erwartet uns direkt vor der Kirche im passenden Gewand mit Laterne und Horn. In Letzteres bläst er einmal kurz hinein, um den Start unseres Erlebnisses zu verkünden und in die Rolle zu schlüpfen.
Stadtführung in Hameln: Unterwegs mit dem Türmer
Zuerst werden wir die 206 Stufen auf den Kirchturm in sein Refugium gelotst. Die stählernen Wendeltreppen und steilen Holzstiegen führen uns von der Empore der Kirche, über den Dachboden immer höher hinaus über die Stadt. Unterwegs kommen wir an den Glocken vorbei und auch am Herz der Kirche, dem altertümlichen Uhrwerk mit seinem Innenleben aus unzähligen eisernen Zahnrädern. Die Luken in den Böden sind eng, so dass nicht jeder unserer Reisegruppe so einfach durch die Aussparungen auf die nächste Ebene kommt. Sicherlich eine Tour, für die es ein Grundmaß an Sportlichkeit braucht, denn selbst wir schnaufen ganz schön, als wir in der Turmspitze ankommen. Durch die Glasfenster, die dort in alle Richtungen weisen, haben wir einen perfekten Rundumblick über die Stadt. Unser Türmer hatte uns beim Aufstieg gesagt, dass in diesen kleinen Raum ca. 10 Personen passen. Unsere Gruppe tummelt sich hier mit 20 Leuten eng und dennoch fröhlich, so dass wir fast vermuten, dass wir einen neuen Rekord aufgestellt haben.

So war es in Hameln in früheren Zeiten
Wieder unten im Kirchenschiff angekommen, setzt sich einer der Teilnehmer unserer Tour an das Klavier am Altar und verzaubert das ganze Gewölbe mit ein paar Stücken, die alle kennen. Selbst unser Türmer ist entzückt und sagt augenzwinkernd: „Das kleine Konzert habe ich extra für euch organisiert!“.
Draußen setzen wir im Anschluss die Führung durch die Innenstadt fort. Wir erfahren allerlei Spannendes, Lustiges und Wissenswertes über Hameln in früheren Zeiten. Ich will nicht zu viel verraten, aber durch die Rolle des Türmers hat man fast das Gefühl in das mittelalterliche Hameln regelrecht einzutauchen. Schaulustige Spaziergänger halten an und hören an einigen Stellen auch interessiert zu. Und ich erfahre, dass ich eine echte Hamelenserin bin. Hamelenser leben seit mindestens drei Generationen in der Stadt, alle anderen sind Hamelner. Und die ganz neu Zugezogenen würde man Hamelunken nennen. Letzteres wusste ich tatsächlich noch nicht.
Stadtführung Hameln: Je schummriger der Abend, desto lebhafter die Geschichten
An einem Fachwerkhaus, das gerade restauriert wird, werden direkt ein paar von uns mit handwerklichen Berufen für den Folgetag zum Arbeitseinsatz rekrutiert. „Um 7 Uhr könnt ihr euch hier einfinden!“, befiehlt unser Türmer. „So spät erst?“, schmunzelt einer aus der Runde. Mir gefällt es, dass unser Türmer jeden in das Erlebnis mit einbezieht!
Eine Empfehlung wäre vielleicht noch, die Tour nach Sonnenuntergang zu machen, denn je schummriger das Licht an diesem Abend wird, desto mehr kann man sich in das Erzählte einfühlen. Schaut also mal auf der Website der Stadt Hameln vorbei. Dort gibt es neben solchen Erlebnisführungen auch schauspielerische Führungen durch das Hamelner Museum oder durch die naheliegenden Schlösser.
Fotos: Ines Krawinkel