Er ist 44 Jahre alt, ehemaliger Pioniertaucher der Bundeswehr – und seit 2017 Sprengmeister beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen: Thorsten Lüdeke hat schon viele Bomben entschärft – über und unter Wasser. Eine 20-Zentner-Fliegerbombe, wie sie unter dem BHW-Parkplatz liegt, hat er in seiner Entschärfer-Karriere aber erst drei- oder viermal unschädlich gemacht. Die US-Fliegerbombe, der sich der Sprengmeister am Sonntag behutsam nähern wird, wiegt 1000 Kilogramm. Vermutlich handelt es sich um eine US-amerikanische Mehrzweckbombe vom Typ „GP 2000 lbs“. GP bedeutet General Purpose = allgemeiner Zweck. Die Abkürzung „lb“ steht für das englische Wort Pound (Pfund). Gesehen hat der ehemalige Spezialsoldat, der im Jahr 2007 beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen „angeheuert“ hat, die Riesenbombe noch nicht. Wir haben mit dem Kampfmittel-Experten, der es gewohnt ist, dem Tod ins Auge zu sehen, gesprochen.
Herr Lüdeke, mit welcher Menge Sprengstoff rechnen Sie in Hameln?
Ich habe mir die Fliegerbombe noch nicht anschauen können. Die letzte Schicht Erde können wir erst am Tag der Entschärfung entfernen. Das Freilegen ist ein kritischer Moment, denn durch Erschütterungen könnte schon etwas Unerwünschtes passieren. Bevor wir das machen, muss Sicherheit hergestellt sein. Das bedeutet: Nur wir befinden uns dann noch im Sperrbereich. Aber zurück zu Ihrer Frage: Ich gehe davon aus, dass sich noch 450 von ursprünglich 500 Kilogramm Sprengstoff in dem aufgeplatzten Stahlkörper befinden. Wir sprechen hier von einem sogenannten 20-Zentner-Zerscheller. Das Ding ist deshalb nicht weniger gefährlich als ein unbeschädigter Blindgänger. Das Gute ist, dass in diesem Fall das Heck der Bombe fehlt. Solche Fliegerbomben wurden nämlich häufig mit zwei Zündsystemen ausgestattet. Der gefährlichste Zünder, ein Langzeitzünder, wäre – sollte es ihn gegeben haben – damit schon mal weg. Wir wissen: Das Zündsystem am Heck reagiert ganz empfindlich auf Erschütterung, Verlagerung und Temperatur-Veränderung. In Hameln haben wir es wahrscheinlich nur noch mit einem Kopfzünder zu tun.

Wo liegt die US-amerikanische Bombe genau?
Der Kopfzünder dürfte im Felsgestein sitzen. Ab einer Tiefe von sechs Metern haben wir festen Mergel, danach geht es in Felsboden über. Das macht die Sache nicht gerade einfach: Die Bombe müsste eigentlich raus aus dem Fels. Das Problem ist: Eine Bombe mag es zärtlich. Ob es uns gelingt, den Blindgänger zärtlich zu bewegen, ist halt die Frage.
Das klingt gefährlich und kompliziert: Wie wollen Sie das schaffen?
Das muss ich am Sonntag bewerten und vor Ort entscheiden, wenn wir auf Tiefe sind. Ich kann es Ihnen tatsächlich noch nicht sagen. Ich muss mich da überraschen lassen. Im besten Fall können wir die Bombe so weit aus dem Fels ziehen, dass man so eine Art Aufhängung hinbekommt, in die wir eine Kette einhängen können. Einen Presslufthammer können wir jedenfalls ganz sicher nicht einsetzen.
Sie haben gesagt, Sie und Ihr vierköpfiges Team würden alles daransetzen, die Weltkriegsbombe zu entschärfen. Warum setzen Sie und Ihre Männer Ihr Leben aufs Spiel, wenn man die Bombe auch sprengen könnte?
Wir versuchen grundsätzlich, einen Blindgänger zu entschärfen. Es geht schließlich darum, großen Schaden zu verhindern. Eine 20-Zentner-Bombe würde – läge sie nicht, wie aktuell in Hameln, in einem mit Stahlbohlen ausgekleideten zehn Meter tiefen Schacht – einen 30 Meter großen und zehn bis fünfzehn Meter tiefen Krater reißen. Eine Sprengung würde ganz sicher größere Schäden verursachen. Da helfen Wasserkissen, die auf den Blindgänger gelegt würden, und die mit einer Million Liter Wasser gefüllten Container-Schutzwände nur bedingt. Direkt am Fundort führt eine Bahnstrecke vorbei. Und das BHW-Gebäude ist auch nicht weit. In Göttingen haben wir einmal eine vergleichsweise kleine 140-Kilo-Bombe gesprengt. Die Explosion hat einen 100 Tonnen schweren mit Wasser gefüllten Container 50 Meter hoch in den Himmel geschossen. In Hameln haben wir es mit einer 1000-Kilo-Bombe zu tun.

Für den Fall, dass die Bombe gesprengt werden muss: Wie können Sie Schäden einigermaßen gering halten?
Sollte eine Sprengung unvermeidbar sein, muss die Druckwelle in Richtung Wald gelenkt werden. Deshalb lassen wir rund um den Schacht Container aufstellen und diese mit Wasser füllen. Diese Arbeiten überwache ich persönlich.
Was passiert am Sonntag in dem tiefen Schacht, in dem Sie und Ihre Männer ganz allein mit der 20-Zentner-Bombe sein werden?
Wir wollen ein Wasserschneidgerät einsetzen. Mit 700 bar Druck können wir Stahl schneiden. Ziel ist es, den Kopfzünder herauszutrennen. Dadurch, dass der Zünder in den Felsboden eingeschlagen ist, wird er so deformiert sein, dass wir ihn nicht mit einer Rohrzange rausdrehen können. Der wird plattgedrückt sein. Diese vorbereitenden Arbeiten machen wir direkt an der Bombe. Dann verlassen wir die Grube, um den Zünder aus sicherer Entfernung zu entfernen. Wir stehen bei einer Fernentschärfung etwa 500 Meter weit weg vom Fundort. Auch bei einer Entschärfung aus der Ferne kann es passieren, dass die Bombe plötzlich umsetzt, also explodiert.
Wie lange wird die Entschärfung dauern?
Für den reinen Schneidvorgang benötigen wir 30 bis 40 Minuten. Das ist abhängig davon, wie dick der Stahl ist. Was viel länger dauert, ist die Vorbereitung. Für den Aufbau brauche ich vier Personen, weil wir schwere Aggregate haben, die bewegt werden müssen, weil wir 500 Meter Elektronikkabel und 500 Meter Schläuche auslegen müssen. An der Bombe muss zudem ein Manipulator angebracht und ausgerichtet werden. Das dauert locker zweieinhalb Stunden. Wenn alles super läuft, sind fünf Stunden realistisch. Aber es kommt auch darauf an, dass niemand zurück in den Sperrkreis geht und von der Polizei rausgeholt werden muss. Wir müssen dann unsere Arbeit unterbrechen. Wir hatten es auch schon, dass sich jemand eine Pizza in den Sperrradius bestellt hat.
Sie erwähnten einen Manipulator. Was ist das?
Das ist ein Aufsatz, der direkt an der Bombe befestigt wird, also dort, wo ich schneiden möchte. Es kann aber auch ein Dreibein sein, an dem das Wasserstrahlgerät angebracht wird. Wir können das Gerät hydraulisch und elektronisch aus der Distanz ansteuern. Ein Kamerasystem liefert und uns Bilder in höchster Auflösung.
Wie bereiten Sie sich auf den Tag X vor? Gehen Sie früh schlafen?
Nun, früh zu Bett zu gehen, ist sicher eine gute Idee. Aber mit Schlafen ist ein, zwei Tage vor einer solchen Entschärfung nicht mehr viel. Da ist man mit dem Kopf schon mittendrin im Geschehen. Da denkt man über so viele Dinge nach. Da komme ich nicht zur Ruhe. Am Abend davor gehe ich schon mal alle Eventualitäten durch. Die Gefahr blende ich aus. Ich begegne Weltkriegsbomben mit Respekt. Angst ist aber definitiv nicht im Spiel. Und überhaupt: Die Größe einer Bombe spielt für mich keine Rolle. Eine explodierende 1-Kilo-Bombe wird mich genau so töten, wie eine 1000-Kilo-Bombe. Das ist mir bewusst. Das ist einfach so. Vorbereiten kann ich mich nicht wirklich. Ich muss mir das vor Ort ansehen und meist improvisieren. Und ich muss hochkonzentriert arbeiten. So ein Ding verzeiht keine Fehler.
Bei einer Explosion in Göttingen im Jahr 2010 mit drei getöteten Kampfmittelbeseitigungsdienst-Mitarbeitern ist einer Ihrer besten Freunde ums Leben gekommen. Kollegen sprachen von „den Zwillingen“. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Man blendet das bei der Arbeit aus. Eine Entschärfung geht ja auch sehr oft gut. Der Respekt vor einer solchen Weltkriegsbombe ist schon groß. Mir ist durchaus bewusst, dass immer etwas passieren kann. Und wenn es passiert, bedeutet das: eine Detonationsgeschwindigkeit von knapp 8000 Metern pro Sekunde. Da hilft auch nicht der dickste Schutzanzug. Der würde mich bei der Arbeit an der Bombe auch nur behindern. Aber zur Wahrheit gehört auch: Ich liebe meinen Job. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Man muss die Gefahr und die guten Chancen, jeden Tag ums Leben kommen zu können, ausblenden können. Wir kommen viel rum. Wir machen jeden Tag etwas anderes, fliegen auch mal mit dem Hubschauber, fahren Einsätze auf der Nordsee. Ich selbst bin auch noch ausgebildeter Polizeitaucher und entschärfe Bomben unter Wasser. Das ist keine Arbeit am Fließband. Es ist immer ein bisschen Action. Und das gefällt mir.
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Fotos: Ulrich Behmann