Als ich in der Hamelner Fußgängerzone auf den Zimmermannsgesellen Jodocus Kalmbach und seinen Freund Peter Schütze warte, muss ich nicht lange überlegen, ob da die richtigen Beiden auf mich zukommen. Schon von Weitem heben sie sich in ihren Zimmermannsklüften von den anderen Passanten ab. Jodocus ist 22 Jahre alt und geht bereits zwei Tage nach unserem Treffen auf die Walz. Wir setzen uns heute gemütlich auf einen hausgemachten Eistee im Café Pepino in der Wendenstraße zusammen. Die Straße hat Jodocus als Treffpunkt ausgesucht, weil ihm die schönen Fachwerkhäuser so gefallen. Ganz und gar Zimmermann eben. Ich möchte heute mehr über die Walz erfahren und hake nach.
Das Handy muss zuhause bleiben
Die Walz ist eine traditionelle Reise, die ein Handwerksgeselle nach Abschluss seiner Ausbildung antreten kann, und zwar für mindestens drei Jahre und einen Tag. Auf der Walz wird Jodocus seine Zimmermannskluft tragen, die ganz kurz vor knapp am Vortag unseres Gesprächs noch angekommen ist. Ansonsten hat er nur einen „Charlottenburger“ dabei. Einen Berliner Kollegen kann ich nicht entdecken, denke ich. Aber die Jungs erklären mir, dass ein Charlottenburger ein bedrucktes Tuch ist, in das der Wandergeselle sein Gepäck einwickelt. Viel haben sie nicht dabei und vor allem bleibt das Handy für die gesamte Zeit der Walz zuhause. „Drei Jahre ohne Handy?“, frage ich, „fällt euch das nicht schwer?“ „Eigentlich benutze ich mein Handy oft“, sagt Jodocus, „Aber am Ende ist man wahrscheinlich froh, es zuhause gelassen zu haben.“

Den Gedanken auf die Walz zu gehen hat Jodocus schon sehr lange, so dass sich seine Liebsten langsam darauf vorbereiten konnten, dass sie ihn nun lange Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen werden. Die meisten freuen sich aber für ihn, erklärt er mir. Kontakt nach Hause darf er erst nach einer Kontaktsperre von drei Monaten haben. Danach ist es dem Wandergesellen erlaubt, Briefe und E-Mails nach Hause zu senden und darin von seinen Abenteuern zu berichten.
Das sind die Voraussetzungen, um auf die Walz zu gehen
Jodocus erzählt mir, dass Peter sein sogenannter Altreisender ist. Beide sind in derselben Gesellenvereinigung, den „Freien Vogtländern“. Peter kommt aus Kiel und ist schon seit über einem Jahr auf der Walz. Er wird Jodocus in den ersten drei Monaten begleiten, bis sich dieser sicher zurechtfindet. Denn die Walz hat so einige Regeln. Ein paar davon sind:
- Voraussetzung ist der Gesellenbrief in einem Handwerk
- Man muss unverheiratet, schuldenfrei und kinderlos sein
- Man darf kein Geld für Transport oder Unterkunft ausgeben
- Man benutzt keine öffentlichen Verkehrsmittel, sondern ist zu Fuß oder per Anhalter unterwegs
Im ersten Jahr sind Wandergesellen im deutschsprachigen Raum unterwegs, im zweiten Jahr in Europa und im dritten Jahr dürfen sie die ganze Welt bereisen. Mich interessiert ja brennend, wie man denn zu Fuß oder per Anhalter in die ganze Welt kommt. Jodocus zum Beispiel hat als Traumziele Skandinavien, Kanada und Japan. Skandinavien kann man noch sehr gut erreichen, bei den anderen beiden wird es schon kniffelig. Aber es gibt die Möglichkeit sich das Geld für die Arbeit in den Zimmereien auch in Form eines Tickets für einen Flug auszahlen zu lassen oder man heuert auf einem Schiff für eine Überfahrt an. Aktuell sind ungefähr 500 bis 600 deutsche Handwerksgesellen und -gesellinnen auf der Walz rund um den Erdball. Wahnsinn, dass diese Tradition heute von jungen Menschen noch so gelebt wird und wie aufregend auf diesem Weg fremde Kulturen und Orte kennenzulernen. „Man taucht viel tiefer ein, als wenn man einfach nur Urlaub macht!“, sind sich die Jungs einig.

Jodocus zeigt mir die Karte, die er dabeihat. Auf seine Bannmeile rund um Hameln hat er einen Aufkleber geklebt, den er mit dem Hamelner Wappen und dem Text verziert hat, der am Rattenfängerhaus in der Bungelosenstraße steht. Die Bannmeile ist auch so eine Regel der Walz: die 50 Kilometer rund um den Wohnort sind während der gesamten Zeit tabu. Seine Walz startet Jodocus mit einer Abschiedsparty am Vorabend seiner Abreise. Da kommen noch einmal Freunde und Familie zusammen. Am Tag darauf kommen Zimmermannsgesellen zu ihm. Er muss nach Tradition über das Ortsschild klettern und lässt sich auf der anderen Seite in die Arme der anwesenden Gesellen fallen, bevor sie ihn in die Welt entlassen. Und er wird eine Flasche Schnaps vergraben, die er am Tag seiner Rückkehr ausbuddeln und trinken wird.
Gibt es Wandergesellen, die nie zurückkehren?
„Gibt es eigentlich Wandergesellen, die nie zurückkehren?“, frage ich in dem Zuge. Peter erzählt mir, dass er auf seiner Walz einen Bäcker kennengelernt hat, der bereits seit elf Jahren unterwegs war. Manche verlieben sich auch in ein Land oder einen Menschen und bleiben tatsächlich irgendwo anders hängen. Aber jetzt geht es für Jodocus erst einmal ins ungewisse Abenteuer, denn seine ersten Ziele kennt er nicht. Darum kümmert sich der Altreisende, in diesem Fall Peter. So kann der neue Wandergeselle sich zunächst ganz entspannt auf die Reise begeben und danach auf eigenen Beinen stehen – oder eher durch die Welt laufen. Dann wird auch er Stempel, Arbeitszeugnisse und andere Erinnerungen in seinem Wanderbuch sammeln und mit vielen Erinnerungen im Gepäck zurück nach Hameln kommen.
Drei Jahre lang darf er nicht nach Hameln und Umgebung kommen
Als wir uns im Café verabschieden, kommt der Besitzer freundlich zu uns. Er hat mitbekommen, worüber wir sprechen, und sagt mit einem Augenzwinkern: „Drei Jahre und einen Tag bis du unterwegs? Dann sehen wir uns in drei Jahren und einem Tag wieder hier auf einen Eistee!“.
Wir wünschen Jodocus einen guten Start für seine Walz und Peter eine gute Weiterreise. Passt gut auf euch auf!
Fotos: Ines Krawinkel