Unser HamelnR des Monats: Jan Waitzmann ist zuständig für den Lernort Bückeberg

Mit Jan Waitzmann sitze ich an einem sonnigen und sehr heißen Tag auf einer Bank am oberen Ende des Bückebergs bei Hagenohsen mit Blick auf unsere schöne Stadt Hameln. ‚Der Ausblick ist wirklich wunderschön‘, denke ich, während Jan mir die große Wiese zeigt, die einst Zeuge einer düsteren Zeit in unserer Geschichte war. Das Areal war zur Zeit des Dritten Reichs von 1933 bis 1937 die Kulisse des alljährlichen Reichserntedankfests, einer riesigen Propagandaveranstaltung der Nationalsozialisten. Jan Waitzmann ist heute der Geschäftsführer des Lern- und Dokumentationsorts Bückeberg und unser HamelnR des Monats.

Heute befindet sich hier am Bückeberg der ‚Dokumentations- und Lernort‘, dessen Geschäftsführer Jan Waitzmann seit 2024 ist. Das Areal wurde 2021 fertig gestellt nach einer Initiative des Lehrers und Historikers Bernhard Gelderblom. Vom Hang hinunter kann man einem Pfad folgen, an dem viele Stelen mit Schaubildern erklären, was hier damals passierte und welchem Zweck diese riesige Festivität diente. Bis zu einer Million Menschen pilgerte damals einmal im Jahr nach Hameln. Jan liefert hier wichtige geschichtliche Informations- und Aufklärungsarbeit. „Mit Erntedank, wie man es von den Dörfern kennt, hatte das hier wenig zu tun. Die Bauern, die so ein Erntedankfest eigentlich betraf, hatten oft gar nicht die Möglichkeit anzureisen und konnten auch ihren Hof nicht dafür allein lassen“, erklärt mir Jan. „Man wollte hier hauptsächlich Bilder und Tonaufnahmen für die Wochenschau und das Radio produzieren. Das diente einzig und allein der Propaganda.“

Jan Waitzmann selbst kommt ursprünglich aus dem nahen Bückeburg. Schon als er dort zur Schule ging, hatte er ein großes Interesse für Geschichte. Bis 2017 studierte er nach seiner Schulzeit daher auch in Hannover Geschichte und Politikwissenschaften. Er erinnert sich: „Mein Vater hätte es am liebsten gesehen, wenn ich etwas studiert hätte, bei dem man gute Jobaussichten hat, aber ich wollte meinen Weg gehen und wie man sieht, hat es ja auch funktioniert.“ Nach dem Studium trat er eine Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History an der Europa Universität Flensburg an. „Im Bereich Public History beschäftigt man sich damit, wie Geschichte und Erinnerung sich in Erzählungen oder auch zum Beispiel Serien wiederfinden“, berichtet Jan. „Wenn du eine fiktionale Serie mit historischen Elementen schaust, wie viel davon entspricht vielleicht wirklichen geschichtlichen Ereignissen?“ Das klingt auf jeden Fall nach einem spannenden Feld.

In Schleswig-Holstein forschte Jan auch zum Beispiel für den Landtag dazu, wie weit verbreitet das Gedankengut der Nationalsozialisten auch nach 1945 noch in öffentlichen Bereichen und Behörden vertreten war. „Die dort arbeitenden Menschen wurden ja nicht einfach ausgetauscht. Wir haben aber auch an der Uni Flensburg geforscht, die erst nach 1945 von den Briten gegründet wurde mit dem Ziel eines Neustarts für die demokratische Bildung.“

Der Dokumentations- und Lernort als zentraler Ansprechpartner in der Region

Und dann kam der Moment, als ihm ein Kollege von der freien Stelle in Hameln erzählte und er nach einem intensiven Bewerbungsgespräch der neue Geschäftsführer des ‚Dokumentations- und Lernortes‘ wurde. Jan ist gern in der Natur und verbringt seine Freizeit gern draußen. „Wie toll ist es denn bitte, dass ich meine Arbeitsstätte hier draußen in der Natur habe und mich zudem mit Geschichte befassen kann?“, freut er sich. Mittlerweile unterstützen ihn ein Kollege sowie eine Werksstudentin in seiner Arbeit. Der Lernort wird oft von Schulklassen oder anderen Gruppen besucht, aber es gibt auch öffentliche Führungen an jedem dritten Sonntag im Monat um 15 Uhr, bei denen alle Interessierten willkommen sind. „Mir ist wichtig, dass wir der zentrale Ansprechpartner für dieses Thema hier in der Region sind“, führt Jan aus. „Es wäre klasse, wenn jede Hamelner Schule mal einen Ausflug zu uns machen würde, wenn sie sich mit dem Thema im Unterricht beschäftigt. Mir geht es auch nicht nur darum, Geschichte zu erzählen, sondern, dass all dies hier natürlich auch einen Bezug zu heute hat.“

Wie können wir aus Geschichte lernen und wie können wir es heute besser machen. Das ist doch die Frage.

Gerade forschen Jan und seine Kollegen auch zu dem Thema, wie und auf welchen Wegen Propaganda und Desinformationen sich heute in Zeiten der Sozialen Medien verbreiten und umgekehrt auch mit welchen Formaten man junge Leute zu den Fehlern der Vergangenheit abholen kann. „Die üblichen Gedenktage reichen da oft nicht aus. Bei solchen Veranstaltungen bin ich ja oft mit Abstand der Jüngste“, sagt Jan nachdenklich.

Wir schauen gedankenversunken vom Bückeberg aus in die Ferne, wo langsam ein Gewitter heraufzieht. Jan bricht das Schweigen: „Wie können wir aus Geschichte lernen und wie können wir es heute besser machen. Das ist doch die Frage.“

Fotos: Ines Krawinkel

Weitere Storys

Entdecke aktuelle Beiträge in unserem Hameln-Magazin

Das ist los am Wochenende in Hameln und Umgebung

Neben dem Felgenfest ist auch dieses Wochenende in Hameln vieles Anderes los. Freut euch auf Musik, Feiern und andere Unterhaltung ...

„Mission: Grüner Daumen“ mit Neudorff – wir stellen euch die Gewinnerinnen und ihre Gartenprojekte vor (mit Videos)

Die „Mission: Grüner Daumen“ in Kooperation mit Neudorff ist gestartet. In den drei Kategorien Balkon, Gemüsebeet und Rasen haben wir ...

Das ist los in Hameln und Umgebung

Auch, wenn Veranstaltungen derzeit nur vereinzelt stattfinden, wollen wir euch trotzdem einen Überblick geben, was in Hameln und Umgebung so ...

Event eintragen

Du bist Veranstalter und möchtest dein Event über unseren Veranstaltungskalender bekanntgeben? Dann übermittle uns einfach deine Infos und Daten über das Formular unten und wir fügen das Event zu unserem Event-Kalender hinzu.

Event melden - CCore
Uhr
Uhr