Heute befindet sich hier am Bückeberg der ‚Dokumentations- und Lernort‘, dessen Geschäftsführer Jan Waitzmann seit 2024 ist. Das Areal wurde 2021 fertig gestellt nach einer Initiative des Lehrers und Historikers Bernhard Gelderblom. Vom Hang hinunter kann man einem Pfad folgen, an dem viele Stelen mit Schaubildern erklären, was hier damals passierte und welchem Zweck diese riesige Festivität diente. Bis zu einer Million Menschen pilgerte damals einmal im Jahr nach Hameln. Jan liefert hier wichtige geschichtliche Informations- und Aufklärungsarbeit. „Mit Erntedank, wie man es von den Dörfern kennt, hatte das hier wenig zu tun. Die Bauern, die so ein Erntedankfest eigentlich betraf, hatten oft gar nicht die Möglichkeit anzureisen und konnten auch ihren Hof nicht dafür allein lassen“, erklärt mir Jan. „Man wollte hier hauptsächlich Bilder und Tonaufnahmen für die Wochenschau und das Radio produzieren. Das diente einzig und allein der Propaganda.“





Jan Waitzmann selbst kommt ursprünglich aus dem nahen Bückeburg. Schon als er dort zur Schule ging, hatte er ein großes Interesse für Geschichte. Bis 2017 studierte er nach seiner Schulzeit daher auch in Hannover Geschichte und Politikwissenschaften. Er erinnert sich: „Mein Vater hätte es am liebsten gesehen, wenn ich etwas studiert hätte, bei dem man gute Jobaussichten hat, aber ich wollte meinen Weg gehen und wie man sieht, hat es ja auch funktioniert.“ Nach dem Studium trat er eine Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History an der Europa Universität Flensburg an. „Im Bereich Public History beschäftigt man sich damit, wie Geschichte und Erinnerung sich in Erzählungen oder auch zum Beispiel Serien wiederfinden“, berichtet Jan. „Wenn du eine fiktionale Serie mit historischen Elementen schaust, wie viel davon entspricht vielleicht wirklichen geschichtlichen Ereignissen?“ Das klingt auf jeden Fall nach einem spannenden Feld.
In Schleswig-Holstein forschte Jan auch zum Beispiel für den Landtag dazu, wie weit verbreitet das Gedankengut der Nationalsozialisten auch nach 1945 noch in öffentlichen Bereichen und Behörden vertreten war. „Die dort arbeitenden Menschen wurden ja nicht einfach ausgetauscht. Wir haben aber auch an der Uni Flensburg geforscht, die erst nach 1945 von den Briten gegründet wurde mit dem Ziel eines Neustarts für die demokratische Bildung.“
Der Dokumentations- und Lernort als zentraler Ansprechpartner in der Region
Und dann kam der Moment, als ihm ein Kollege von der freien Stelle in Hameln erzählte und er nach einem intensiven Bewerbungsgespräch der neue Geschäftsführer des ‚Dokumentations- und Lernortes‘ wurde. Jan ist gern in der Natur und verbringt seine Freizeit gern draußen. „Wie toll ist es denn bitte, dass ich meine Arbeitsstätte hier draußen in der Natur habe und mich zudem mit Geschichte befassen kann?“, freut er sich. Mittlerweile unterstützen ihn ein Kollege sowie eine Werksstudentin in seiner Arbeit. Der Lernort wird oft von Schulklassen oder anderen Gruppen besucht, aber es gibt auch öffentliche Führungen an jedem dritten Sonntag im Monat um 15 Uhr, bei denen alle Interessierten willkommen sind. „Mir ist wichtig, dass wir der zentrale Ansprechpartner für dieses Thema hier in der Region sind“, führt Jan aus. „Es wäre klasse, wenn jede Hamelner Schule mal einen Ausflug zu uns machen würde, wenn sie sich mit dem Thema im Unterricht beschäftigt. Mir geht es auch nicht nur darum, Geschichte zu erzählen, sondern, dass all dies hier natürlich auch einen Bezug zu heute hat.“
Wie können wir aus Geschichte lernen und wie können wir es heute besser machen. Das ist doch die Frage.
Gerade forschen Jan und seine Kollegen auch zu dem Thema, wie und auf welchen Wegen Propaganda und Desinformationen sich heute in Zeiten der Sozialen Medien verbreiten und umgekehrt auch mit welchen Formaten man junge Leute zu den Fehlern der Vergangenheit abholen kann. „Die üblichen Gedenktage reichen da oft nicht aus. Bei solchen Veranstaltungen bin ich ja oft mit Abstand der Jüngste“, sagt Jan nachdenklich.
Wir schauen gedankenversunken vom Bückeberg aus in die Ferne, wo langsam ein Gewitter heraufzieht. Jan bricht das Schweigen: „Wie können wir aus Geschichte lernen und wie können wir es heute besser machen. Das ist doch die Frage.“
Fotos: Ines Krawinkel