Jonathan Körntgen: Bilder gegen die Depression

Jonathan Körntgen stellt in der Hamelner Kaffeebar „Die Barista“ zum ersten Mal seine Bilder aus. Sie zeigen das Stadtleben, neue Wege, kreisende Gedanken – und haben ihm geholfen, eine schwere Zeit in seinem Leben zu verarbeiten.

Bilder gegen die Depression

Schwarz-Weiß, verschwommen, symbolisch: Die Selbstaufnahme, auf der Jonathan Körntgen kopfschüttelnd und mit freiem Oberkörper zu sehen ist, steht sinnbildlich für die schwere Zeit, die er durchgemacht hat. Kein klarer Kopf. Die Gedanken drehen sich. So ging es Jonathan in der vergangenen Zeit oft. Mit der Fotografie hat er einen Weg gefunden, neue Wege zu wagen, sich selbst zu helfen. Jetzt teilt er seine Bilder mit Hameln.

Jonathan Körntgen: „Ich bin einfach losgezogen“

In der hippen Kaffeebar „Die Barista“ im selbsternannten „Hamelner Kiez“ in der Bahnhofstraße präsentiert er seit Samstag, 1. Februar 2020, eine Auswahl seiner Bilder. „Ich möchte die Fotos durch ihre Gesamtheit wirken lassen und jeden Betrachter selbst entscheiden lassen, mit welchen Szenen er sich eventuell identifizieren kann“, sagt Jonathan. Die Bilder stehen für seinen Lebensweg, seinen Blick auf die Welt. 

Die meisten Fotos sind in Hameln entstanden. Ein bisschen Street-Fotografie, Szenen aus der Innenstadt. Ich habe viel gearbeitet mit Silhouetten von Menschen, mit Schatten. Es gibt eine kleine Reihe mit Statuen – und einige Bilder, die sich um das Thema ‚Wege finden‘ drehen. Ein Bild zeigt zum Beispiel eine Linksabbieger-Spur, recht nah fotografiert. Ich bin einfach losgezogen, habe Fotos gemacht.

Im Studium wird Jonathan nicht glücklich

Wege finden. Dieses Thema hat Jonathan Körntgen in der jüngsten Vergangenheit viel beschäftigt. Nach dem Abitur in Hameln fängt er in Hannover an zu studieren. Computergestützte Ingenieurswissenschaften – so nennt sich der Studiengang. Sehr technisch. Viel Mathe. Jonathan merkt schnell, dass es eigentlich nicht das ist, was er beruflich machen möchte. „Einfach zu weit weg vom Menschen“, meint der Hamelner, der sich auch im Kultur- und Bildungshaus Regenbogen engagiert. Die Arbeit mit Menschen ist ihm wichtig.

Das Studium zu schmeißen, kommt für ihn zu dieser Zeit aber überhaupt nicht in Frage. „Ich wollte es mir selbst nicht eingestehen“, erklärt er und fügt gleich hinzu: „In der Familie gibt es viele Ingenieure. Ich habe gedacht, dass ich in die Fußstapfen treten werde. Habe aber nicht eingesehen, dass es nicht mein Ding ist.“ Er zieht aus Hameln nach Hannover. In dem Glauben, vor Ort erst so richtig in das Studentenleben eintauchen zu können.

Kein klarer Kopf: So ging es Jonathan Körntgen oft

„Ich dachte, dass ich erst im klassischen Studentenleben ankommen muss, um glücklich zu werden“, erzählt Jonathan heute. „Aber das war nicht so.“ Die Zweifel blieben. „Anstatt der Tatsache ins Auge zu sehen, dass ich nicht glücklich bin und etwas ändern muss, habe ich mich viel abgelenkt.“ Dem damaligen Studenten fehlte aus seiner Sicht der Mut, um das Studium abzubrechen. „Das war für mich ein großer Schritt“, sagt er. Genau in dieser Phase entwickelt der heute 22-Jährige eine Depression.

Jonathan selbst beschreibt sich als nachdenklichen Menschen, der oft grübelt. Damals in Hannover kommt die Unzufriedenheit mit dem Studium hinzu. Die Gedanken kreisen. Kein klarer Kopf. In dieser Zeit findet er einen Weg, mit der Situation klarzukommen. Er fängt an, zu fotografieren. „Das war mein Mittel“, erklärt Jonathan. „Wenn ich einen schlechten Tag oder dunkle Gedanken hatte, bin ich einfach raus mit meiner Kamera, bin durch die Straßen gezogen – und habe das, was mich fasziniert hat, einfach eingefangen.“

Ausstellung bei „Die Barista“ in der Bahnhofstraße

Mit der Zeit merkt der frühere Student, wie viel Spaß und Leichtigkeit die Fotografie und das Teilen der Bilder ihm bereiten. Auch aus diesem Grund entschließt er sich, das Studium zu beenden. „Als ich die Exmatrikulation in der Hand hatte, habe ich mich unglaublich befreit gefühlt. Ich habe sofort gemerkt, dass es die richtige Entscheidung war“, sagt Jonathan. Er zieht zurück nach Hameln. Das Fotografieren begleitet ihn weiter.  

Für mich war die Depression ein Zeichen, etwas grundlegend in meinem Leben zu verändern. Dabei waren Depressionen für mich selbst zunächst ein Tabuthema. Du willst nicht schwach wirken. Aber das ist schwachsinnig. Meine Erfahrung ist: Sobald du das Thema offen ansprichst und mit anderen Leuten teilst, wird es schon ein Stück besser. Und niemand schmeißt dir an den Kopf, dass du schwach bist. Im Gegenteil: Aus meiner Sicht ist der Starke derjenige, der seine Schwächen zugibt.

Jonathan hat seinen Weg gefunden

Mit der Ausstellung bei „Die Barista“ will Jonathan Körntgen auch in dieser Hinsicht ein Zeichen setzen. Mut spenden für Menschen, denen es vielleicht ähnlich geht. Die ernsten Seiten des Lebens thematisieren, aber auch die schönen hervorheben. Hameln zeigen, seine Heimatstadt, in der er sich verwirklichen möchte. Wege finden. Oder auch den Mut haben, sie zu verlassen – und neue Wege zu gehen. Dafür steht die Ausstellung. Und dafür steht auch Jonathan Körntgen. 

HINWEIS: Menschen, die unter Depressionen leiden, sollten ihren Hausarzt aufsuchen. Hilfe gibt es auch bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr. Die Beratungsgespräche finden anonym und vertraulich statt.

Text: Moritz Muschik
Fotos: Jonathan Körntgen / Lasse Seelmann

Konzeptschmiede Hameln
Die Barista