Als ich durch die Hamelner Innenstadt in Richtung des kleinen ‚Cafés Rasom‘ laufe, frage ich mich, wen ich heute treffen werde. Wird dort Thorsten Wiegand oder doch Jaqueline de la Rouge auf mich warten? Thorsten verkörpert die Figur Jaqueline seit 40 Jahren auf Travestieshows und ist mittlerweile im Hamelner und Nienburger Umland schon ziemlich bekannt.
Aber ganz von vorne: Es wartet tatsächlich Thorsten im Café und lächelt mir schon von Weitem fröhlich zu. „Das war ja jetzt ein richtige Blind Date!“, sage ich, als wir uns begrüßen, und schon ist das Eis gebrochen. Bei leckerem Kuchen erzählt mir Thorsten, dass er in Nienburg an der Weser geboren wurde, als mittleres von drei Kindern mit einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester. „Meine Mama Erika hat sich nach meinem Bruder schon ein Mädchen gewünscht. Und naja, ein Halbes hat sie dann ja bekommen!“, lacht Thorsten mit Bezug auf sein Alter Ego.
Im Alter von 16 Jahren hat sich Thorsten geoutet
Schon mit 16 hat sich Thorsten geoutet. Und obwohl dies noch in einer völlig anderen Zeit passierte, sagte seine Mutter direkt: „Na, dann ist das halt so!“. Die Familie nahm sein Outing entspannt und auch seine große Clique, mit der er viel Zeit verbrachte, ging wunderbar damit um. Für die Mädchen war das von Anfang an gar kein Problem. Und die Jungs haben auch schnell gesagt: „Der Mensch ändert sich ja nicht, auch wenn er jetzt Jungs mag.“ Also lümmelten sie weiterhin Tag für Tag auf Decken im Park herum, verbrachten viel Zeit zusammen und alles war wie gehabt!
Eines Tages, Thorsten war mittlerweile 20 Jahre alt, ging er am Theater in Nienburg vorbei und sah ein Plakat der Travestieshow „Cabaret Chez Nous“, die dort in Kürze auftreten würden. Er lief nach Hause, erzählte seiner Mutter davon und direkt kauften die beiden ihre Tickets. Thorsten war wie gebannt von dem Erlebnis und sagte in der Pause: „Mama, das möchte ich auch machen!“. Wieder war ihre Reaktion kurz und herzlich: „Dann mach das, mein Kind.“ Bis heute hortet er zuhause die Programmhefte. Ganze 24 Jahre haben seine Mutter Erika und er keine Show im Nienburger Theater ausgelassen. „Wir saßen immer in der ersten Reihe“, schwärmt Thorsten und man sieht das Funkeln in seinen Augen.




Den ersten eigenen Auftritt hatte Thorsten oder besser gesagt Jaqueline auf einem Geburtstag, auf dem sein Onkel Paul als DJ angeheuert war. Er brachte Jaqueline als Show Act mit und obwohl die Aufregung groß war, war das Publikum begeistert. Direkt kamen erste Angebote für weitere Auftritte in Nienburg und Umgebung. „Plötzlich wollte man mir Geld für Auftritte zahlen. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Aber ich wusste doch gar nicht, was ich nehmen sollte. Meine Tante aber reagierte prompt auf die erste Anfrage und sagte direkt: ‚Das kostet 100 Mark‘. Tja, und so ging es los“, erzählt Thorsten. In Nienburg gab es zu dieser Zeit keine Gaststätte, die Jaqueline de la Rouge nicht kannte.
Im „Pulverfass“ in Hamburg kam sie groß raus
Und dann fiel ihm ein Flyer für einen Travestie Nachwuchswettbewerb im ‚Pulverfass‘ in Hamburg in die Hände. Sein Papa Fritz hatte sich anfänglich noch etwas schwer mit dem Outing von Thorsten getan, aber dann doch schnell die Leidenschaft seines Sohns für die Travestieauftritte erkannt. Er meinte sofort: „Du musst dich da bewerben“. Unsicher fuhr Thorsten somit kurz darauf nach Hamburg am 28./29.1.1989. Witzigerweise fand der Wettbewerb am Tag seines Geburtstages statt. Er hatte seinen Fanclub im Gepäck, bestehend aus seiner Mutter, seinem Vater, seiner Schwester, einer Freundin und Schneiderin Heike, die ihm alle Kostüme nach seinen Wünschen nähte. Thorsten schwelgt in Erinnerungen: „Ich weiß noch genau, wie wir Teilnehmer damals, am Ende der Show, auf die Bühne geholt wurden. Es wurde der dritte Platz verkündet, dann der Zweite. Und schließlich sagte der Moderator: ‚Auf Platz Nummer 1 ist eine, die wird ihren Geburtstag heute wohl nicht mehr vergessen‘. Ich war so aufgeregt, dass ich gar nicht verstanden habe, was er da sagte.“ Mit Platz Nummer 1 in der Tasche und um eine Portion Selbstbewusstsein reicher, kam Thorsten zurück. Der Erfolg stärkte ihn und sein Papa stand ihm stolz wie Oskar gegenüber.

Endlich kam die Zeit, in der Thorsten nach Hameln zog. Die Liebe hat ihn in unsere kleine Rattenfängerstadt geführt. Und auch wenn diese nicht von Dauer ist, so folgen hier weitere große Auftritte, zum Beispiel auf dem Hexenball in der Stadthalle Hessisch Oldendorf oder an Silvester im Grohnder Fährhaus vor 200 Zuschauern. Grandiose Shows werden Jaqueline de la Rouge nachgesagt!
Die Frauen sind immer begeistert davon, wie ich auf so hohen High Heels laufen kann.
Doch auch Thorsten geht neben den Auftritten einem bodenständigen Beruf nach. Mit 54 Jahren schulte der gelernte Hauswirtschafter noch einmal komplett um zum sozialpädagogischen Assistenten. Seine Freundin Uta brachte ihn dazu, die eine KiTa leitet und ihm Mut machte. „Da saß ich nun zwischen lauter 20-Jährigen und fing alles nochmal ganz von vorne an. Aber die praktische Prüfung, die habe ich dann mit 1,3 geschafft. So gut war ich früher in der Schule nie“, schmunzelt er. Heute arbeitet er selbst in einem Kindergarten und liebt es ‚Dönekes‘ mit den Kindern zu machen. Humor gehört also nicht nur zu seiner Kunstfigur Jaqueline, sondern auch zu seiner eigenen Persönlichkeit. Aber, wenn er im Kostüm ist, dann ist er doch irgendwie ein komplett anderer Mensch. „Und die Frauen sind immer begeistert davon, wie ich auf so hohen High Heels laufen kann! Eine sagte mal zu mir: ‚Wie Sie sich bewegen! So grazil! Sie sind ja mehr Frau als manche Echte“, verkündet er nicht ohne Stolz.
Gala-Abend zum 40-jährigen Bühnenjubiläum
Sein Ehemann Alexander, der am Hamelner Schiller Gymnasium als Lehrer arbeitet, stärkt ihm den Rücken und wird sicher in der ersten Reihe sitzen, wenn Jaqueline de la Rouge am 14. März 2026 ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum in der „Tanzschule Für Sie“ mit einem Gala-Abend zelebrieren wird. Mit dabei ist Travestie-Kollegin Jessica Hart. „Das wird ein ganz bunter Abend mit Gesang, Rückblicken und vielen Anekdoten.“ Und das Schönste ist: Thorsten hat mir verraten, dass es aktuell noch ein kleines Kontingent an Restkarten gibt. Wir freuen uns darauf!
Fotos: Thorsten Wiegand