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MAD-Music-Club-Wirt Thomas Kroll ist jetzt für das DRK unterwegs

30 Jahre lang machte Thomas Kroll im MAD-Music-Club die Nacht zum Tag. Als der Vermieter ihn 2019 rausschmeißt, verlieren die Szene und ihr Wirt ein Stück Heimat. Musik macht er aber immer noch: im Radio, auf der Weser und sogar als Fahrer des DRK.

Die Frühschicht ist für Nachteule Thomas Kroll noch immer der reinste Horror, besonders am Montagmorgen. Abgesehen davon findet er seinen neuen Job beim DRK „wirklich geil“. „Die älteren Leute sind so dankbar“, sagt der 62-Jährige, „und von den Kindern kommt echt viel zurück.“ Es ist später Nachmittag, Thomas Kroll, im rotweißkarierten Kurzarmhemd, sitzt auf der überdachten Terrasse seines Reihenendhauses in der Nordstadt und lässt den Blick entspannt schweifen. Er fällt in ein üppiges Gartenparadies, das von der anderen Seite des Hauses kaum zu erahnen ist. Auf der linken Seite gibt es ein Gehege für Hühner, auf der rechten einen selbst angelegten Teich, in dem dicke Kois schwimmen. In einer weiteren Ecke steht ein Gartenhaus, an dem üppig die Rosen hochklettern. In dem Holzhaus wohnt zur Zeit Krolls Bruder, ein Aussteiger. Hinter einer hohen Hecke rattert, von den Bewohnern hinterm Bahngleis kaum wahrgenommen, stündlich die S-Bahn entlang.

Das einzige, was ich weiß: Es fehlt mir. Ich fahr‘ vorbei und merke: Es fehlt mir. Es war meine Heimat, ich war das MAD.

Thomas Kroll

Thomas Kroll hat sich nach einer Spät- und einer Frühschicht im Fahrdienst vor dem Treffen mit der Dewezet noch mal aufs Ohr gehauen. Nach Jahrzehnten der Selbstständigkeit arbeitet er nun Minimum 40 Stunden die Woche als Angestellter. „Ich würde sagen, ich habe mich ganz gut angepasst“, sagt er. Seit knapp zwei Jahren holt er für das Hamelner DRK Menschen aus dem Krankenhaus ab, fährt andere zu Dialyse, bringt einige sogar bis nach Bayern oder Thüringen. Die langen Touren mag er besonders, denn er fährt gern Auto, und meistens unterhält er sich mit seinen Mitfahrern bestens.

Die Älteren schreien auch schon mal ,Nein‘, wenn ich singe

Thomas Kroll

An den Vormittagen ist oft die Kiehlhornschule dran: Bei den Kindern mit Einschränkungen jeder Art sei er sehr beliebt, sagt der frühere Kneipenwirt: „Die kennen alle meinen Namen.“ Das könnte an den Lollis liegen, die er freitags verteilt („Ich habe alle Eltern vorher gefragt“), aber auch an Krolls sonnigem Wesen: Mal singt der Mann mit wilder Band-Vergangenheit mit den Kindern das Lied vom Regenwurm, das er schon mit seinen Töchtern gesungen hat, mal den Song vom „kleinen Thomaroll“, (nach der Melodie von „Anton aus Tirol“), den er für das MAD umgedichtet hat. „Die Älteren schreien auch schon mal ,Nein‘, wenn ich singe“, sagt er.

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„Ich wollte was tun“, erklärt Kroll seine berufliche 180-Grad-Wendung. Dass er im Fahrdienst des DRK gelandet ist, ist eher Zufall – es hat sich einfach ergeben. Gelernt hat er eigentlich Bürokaufmann, es folgte eine zweite Lehre als technischer Zeichner für Maschinenbau.
Seine Berufung aber findet er in seiner Kneipe, die er 1989 in der Südstraße eröffnet. Der MAD-Music-Club fehlt ihm trotz der neuen Wertschätzung. „Ich hätte gern weitergemacht, es lief gerade gut mit den Bands.“

Morgens schaut er automatisch in die Südstraße

Wenn er morgens mit dem Rad durch den Bahnhofskreisel fährt, schaut er automatisch in die Südstraße. Neulich habe er sich selbst gefragt: „Mensch Thomas, was ist das jetzt für ein Gefühl?“ Genau sagen kann er es nicht. „Das einzige, was ich weiß: Es fehlt mir. Ich fahr‘ vorbei und merke: Es fehlt mir. Es war meine Heimat, ich war das MAD.“ Mit am meisten vermisst er den Kontakt in die Musikszene, „das Internationale“, sagt Kroll. Er vermisst die Musiker, die bei ihm übernachten, die er bis tief in die Nacht in seinem Garten in der Nordstadt versammelt und er vermisst das gemeinsame Frühstück. „Das fehlt mir sehr.“

Nach dem letzten Abend mit Livemusik im Jubiläumsjahr, am 29. Juni 2019, hat der Clubbesitzer noch eine Woche Zeit, seine Sachen auszuräumen. Erst danach realisiert er, dass es wirklich vorbei ist: „Als ich nicht mehr losmusste nach 30 Jahren, damit kam ich erst mal gar nicht klar“, gesteht Thomas Kroll. Dass dann vor etwa einem Jahr auch noch „Die Basis“ ihr Parteibüro in „seiner“ Kneipe einrichtet, kann er bis heute kaum fassen: Auf Facebook macht er seinem Ärger über Querdenker Luft.

Dabei erinnert sich noch gut an die Zeiten, in denen die Leute sagten, das MAD sei politisch rechts. „Am Anfang habe ich was dagegen gesagt, dann war es mir egal. Ich habe es aber immerhin geschafft, dass da Punks und Skins an einem Tisch waren, die Musik war querbeet. Wer Scheiße gemacht hat oder seine braune Gesinnung hat raushängen lassen, ist rausgeflogen.“ Am meisten stört ihn am heutigen Mieter, „dass der die Kinder noch mit reinzieht“.

Die vielen Bands vermittelt er nun an andere

Seinen Traum, eine Location, an der er wieder Bands auftreten lassen kann, hat er zu keinem Zeitpunkt aufgegeben. Der Plan, im Hamelner Hafen auf der Task Konzerte zu veranstalten, schien Anfang 2020 sogar zum Greifen nah, er sollte das Boot als Pächter übernehmen. Dann kam Corona. „Was wäre dann aus Task oder dem MAD geworden?“ Thomas Kroll räumt ein, dass das wohl nicht gut für ihn ausgegangen wäre. Er habe gesehen, wie andere gekämpft hätten. Außerdem glaubt er an Schicksal.
Die vielen Angebote von Bands, die der frühere Konzert-Veranstalter bis heute bekommt, vermittelt er nun zum Teil an andere, wie das K3. Seit zwei Jahren gibt es außerdem die Radiosendung „Krollis Mad & Confused“, die er seinen Hörern bei Radio Aktiv als Mad-Ersatz kredenzt. Und die Bootsfahrten auf der Weser mit drei Bands an einem Abend, die es so sehr krachen lassen, dass die Schafe am Ufer flüchten, wenn Krolls Partygesellschaft vorbeischippert. Die Bilanz könnte schlechter sein.

Fotos: Dorothee Balzereit

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