Michael Boyer

Abschlagen und abschalten

Das ist die Geschichte von Michael Boyer. Sie handelt von einem Amerikaner, der vor fast 40 Jahren nach Hameln kam – und die Stadt lieben lernte. Es ist die Geschichte eines Polizisten von der US-Armee, der seine Lebenszeit kreativ und bewusst nutzen will, weil er weiß, wie schnell alles vorbei sein kann. Und es ist die Geschichte eines Menschen, der den Traum hatte, Schauspieler zu werden. Diesen Traum hat sich Michael Boyer erfüllt.

Sandsturm auf dem Golfplatz: Michael Boyer schlägt ab.

Mittwochabend, 26 Grad, Sandbunker. Michael Boyer holt aus. Er schwingt den Schläger einmal durch – und wirbelt Tausende Körner auf, die ihn in eine Sandwolke hüllen. Er hat uns mitgenommen an den Ort, an dem er abschlagen und abschalten kann. Manchmal fährt er mit dem Fahrrad zum Golfplatz am Schloss Schwöbber, manchmal auch im Winter. Jetzt im Sommer schafft er es meist nur einmal im Monat, ein paar Bälle auf dem Grün zu spielen. „Ich kann nicht meine ganze Freizeit hier verbringen“, sagt er. „Das wäre zu schön.“

Was begeistert dich am Golfen? Michael Boyer spricht mit Moritz Muschik.

Das Golfen lernte er als Kind in Pennsylvania. „Mit zehn Jahren habe ich angefangen, bin regelmäßig auf offene Plätze gefahren. Aber als ich aus dem Schläger herausgewachsen bin und Frauen und Alkohol dazukamen, kam ich nicht wieder dazu.“ Michael Boyer ging als 18-Jähriger zur US-Armee, kam so über Umwege nach Deutschland. Die deutsche Sprache lernte er bereits in der Schule. Er sagt: „Das amerikanische Bild von Deutschland ist ein Zerrbild, geprägt durch Hollywood und viele Dummheiten.“

Michael Boyer: „Ich verursache Chaos, aber ich erstrebe Ordnung“

Also machte er sich selbst ein Bild – von dem Land, das zu seiner neuen Heimat werden sollte. Bevor er 1987 nach Hameln kam, war er in anderen deutschen Städten stationiert, lernte seine Frau auf einem Lehrgang in Kaiserslautern kennen. Inzwischen ist er 57 Jahre alt. Was er an Deutschland liebt? „Die vielgepriesene Ordnung. Das gefällt mir. Ich probiere zumindest, selber auch ein ordentlicher Mensch zu sein“, sagt er. „Ich verursache Chaos, aber ich erstrebe Ordnung.“

Der Entertainer: Bei einer Talentshow in Pennsylvania moderierte er als Siebtklässler vor 400 Leuten.

Ortswechsel. Es ist etwas später geworden, wir haben uns an die Theke der kleinen Gaststätte am Golfplatz gesetzt. Durch das Glasfenster scheint Michael Boyer die untergehende Sonne ins Gesicht. Was darf es sein? Ein Weizen, alkoholfrei, bitte. Das erfrischt. Warum er das Golfen genießt? „Es ist die volle Konzentration“, sagt er. „Welchen Schläger nehme ich? Wie ist die Hanglage? Das sind Tausend Kleinigkeiten. Und die Konzentration hilft mir, abzuschalten.“

„Du wusstest nicht, ob du abends lebendig nach Hause kommst“, sagt Michael Boyer

Auf dem Barhocker an der Holztheke erzählt er von seiner Zeit als Polizist bei der US-Armee. „Du wusstest nicht, ob du abends lebendig nach Hause kommst“, sagt er. „Wenn du das erst vor Augen hast, dann machst du aus jedem Tag was. Dann gibst du deinen Liebsten einen Kuss oder eine Umarmung, wenn du dich verabschiedest. Weil du nicht weißt, ob du wirklich zurückkommst. So lebe ich. Mach aus jedem Tag was. Mach so viel Freude wie geht. Und versuch nicht alles auf einmal.“

Schläger im Gepäck: Michael Boyer spricht von seiner Leidenschaft.

Wenn Michael Boyer von seinem Leben spricht, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Er hebt und senkt seine Stimme voller Energie – und rollt das R. Er ist eben Amerikaner. Und er ist Entertainer. Schon als Kind habe er seine Großeltern unterhalten, erzählt er. Bei einer Talentshow in der Schule in Pennsylvania moderierte er als Siebtklässler vor 400 Leuten. Schauspieler wollte er schon immer werden – und vielleicht ein bisschen berühmt. Diesen Traum hat er sich erfüllt. Genauer will er auf seinen Job nicht eingehen. Auch deswegen ist er hier auf der Golfanlage. Um mal Abstand zu nehmen.

Mit dem Fahrrad fährt er bis zur Nordsee

„Man ist an der frischen Luft und bewegt sich mehr, als man denkt. Manchmal verliert man einen Ball und findet einen anderen, trifft auf Leute, fachsimpelt mit ihnen.“ Michael Boyer will aus jedem Tag etwas machen. Neue Leute kennenlernen, kreativ sein, etwas schaffen. „Dann bin ich zufrieden“, sagt er. Vor einigen Jahren träumte er davon, live im Internet per Kopfkamera zu berichten. „Wenn man den Politiker vor Augen hat und die Kamera ist auf ihn gerichtet, kommt das ungefiltert beim Wähler an.“ Nur so eine Idee.

Abends am Tresen: Michael Boyer erzählt von seinem letzten Urlaub.

Themenwechsel. Wo macht er eigentlich am liebsten Urlaub? USA? Nicht unbedingt. Seiner Mutter möchte er ein Flugticket nach Europa schenken. Damit sie die neue Heimat ihres Sohnes auch mal kennenlernt. Er selbst fährt gerne Fahrrad. „Vor zwei Jahren war ich bis zur Nordsee und zurück.“ Na gut, zwischendurch habe er ein paar Mal den Zug genommen. „Aber bis die Schuhe und das Vorderrad im Wasser standen, habe ich es geschafft.“ Es muss nicht edel und hip sein.

Das beste Essen gibt’s in der Straßenbude in Shanghai

Das beste Essen sei schließlich auch nicht teuer, sondern fein. Beides könne zusammenkommen. „Aber feines Essen findet man in der Straßenbude in Shanghai. Eine kulinarische Explosion im Mund“, sagt Michael Boyer, der schon viele Orte auf der Welt gesehen hat. Deutsch und Englisch spricht er hervorragend. Italienisch, Griechisch, Chinesisch, Japanisch, Französisch und Polnisch ein bisschen. „Sprache ist Musik“, meint er. „Ich lerne gerne Fremdsprachen.“

Freiheit und Freizeit: Auf dem Golfplatz nimmt sich Michael Boyer eine Auszeit.

Inzwischen ist es noch später geworden. Die Sonne ist längst in der malerischen Kulisse von Golfplatz, Schloss und Wald versunken. Michael Boyer nimmt einen letzten Schluck von seinem alkoholfreien Weizen. „Wetten, du schaffst es nicht, einen Text zu schreiben, ohne meinen Beruf zu erwähnen?“, fragt er, bevor wir uns verabschieden. Die Wette nehmen wir an, fragen ihn aber noch, wie lange er überhaupt arbeiten will. „Ich habe immer gesagt“, holt Michael Boyer aus: „Ich bleibe im Amt, solange ich jünger aussehe als die Puppe vor dem Museum.“ Wette gewonnen?

Text: Moritz Muschik / MoritzMuschik.de

Fotos: Christian Manthey / Hameln-Fotografie.de