Dunkle Gedanken im Herbst und Winter: Hilfe bei Depressionen

Inga Symann

Inga Symann

Alles ist grau, nass und kalt. Draußen finden wir im Herbst jetzt immer weniger Lichtblicke, die gute Laune machen. Und auch im Inneren vieler Menschen sieht es in dieser Jahreszeit dunkler aus als sonst. Wie kommt man am besten durch diese dunkle Zeit? Und wer oder was kann helfen?

Manche Menschen kommen ohne Probleme durch den Herbst. Sie können jedem goldgelben Blatt, das von den Bäumen fällt, etwas Schönes abgewinnen. Sie freuen sich auf Kerzenlicht und Tee trinken. Doch für viele andere stellt der Herbst den Beginn einer gefürchteten Zeit dar, denn ihre Stimmung wird immer dunkler.

Foto: Jonathan Körntgen

Stimmungstief oder Depression?

Schlechte Laune ist noch keine Depression. Aber die Übergänge zwischen einer zeitweiligen Niedergeschlagenheit oder einer von trübem Herbstwetter ausgelösten Verstimmung zum eigenständigen Krankheitsbild Depression sind fließend. Es kann im Prinzip jeden treffen.

Typisch für eine Depression ist eine über Wochen andauernde Antriebsschwäche. Das Gefühl der Hilflosigkeit, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit nimmt Überhand und die Betroffenen ziehen sich aus ihrem Umfeld zurück, kapseln sich immer mehr ab. Sie können sich über nichts mehr freuen, schlafen extrem schlecht, grübeln, sind ängstlich, verzweifelt und einsam. Körperliche Symptome wie Verspannungen, Gliederschmerzen oder Müdigkeit gehen oftmals damit einher.

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Betroffene können keine Freude mehr empfinden

Es können genetische und biologische Faktoren oder auch belastende Umwelteinflüsse zusammenkommen. Sie führen, ganz grob gesagt, zu psychischem Stress, der nicht mehr zu bewältigen ist. „Die Menschen haben die Fähigkeit verloren, Freude zu empfinden“, erklärt Dr. med. Alexander Pain, Psychiater und Chefarzt sowie Leiter des Zentrum für Allgemeinpsychologie und Psychotherapie im AMEOS Klinikum Hameln. Medizinisch gesehen ist im Fall einer Depression der Stoffwechsel im Gehirn gestört, da bestimmte Botenstoffe ihre eigentlichen Aufgaben nicht mehr ausreichend erledigen.

Eine Depression ist eine schwere Erkrankung.

Alexander Pain, Psychiater und Chefarzt sowie Leiter des Zentrum für Allgemeinpsychologie und Psychotherapie im AMEOS Klinikum Hameln

„Eine Depression ist keine Willensschwäche oder die verlorene Fähigkeit, aktiv am Leben teilzunehmen“, betont Pain. „Eine Depression ist eine schwere Erkrankung, die behandelt werden muss. Fünf bis zehn Prozent der Erkrankten unternehmen Suizidversuche.“  

Sonderform: Herbst-Winter- und Lichtdepression

Das kennt wahrscheinlich jeder: Im Herbst und Winter sind die meisten von uns deutlich träger und schneller müde als im Sommer. Doch tritt ein psychisches Stimmungstief im Herbst und Winter in zwei oder mehr aufeinander folgenden Jahren auf, spricht man von Seasonal Affective Disorder (SAD). Übersetzt heißt es so viel wie jahreszeitliche Störung der Stimmungslage. Umgangssprachlich nutzen wir auch Begriffe wie Winterdepression oder Herbstblues. „Ungefähr fünf bis neun Prozent der deutschen Bevölkerung leidet darunter. Hauptsächlich findet sich diese Form in den west- und nordeuropäischen Ländern“, so Dr. med. Pain.  

Für die Betroffenen stellt die Herbst-Winter-Depression eine große Belastung dar. Typische Symptome sind eine generell depressive und gedrückte Stimmung, eine tiefe Traurigkeit, ein immens hohes Schlafbedürfnis und eine verstärkte Antriebs- und Energielosigkeit. Viele ziehen sich sozial zurück und können sich schlecht konzentrieren, geschweige denn im Job die verlangte Leistung bringen. Auffallend ist bei dieser Form zudem oftmals der Heißhunger auf Süßes und Kalorienhaltiges.

Wie kommt es zur Herbst-Winter-Depression?

Ursache für diese Form der Depression ist primär der Licht- und Sonnenlichtmangel in der dunklen Jahreszeit. Dr. med. Pain erklärt: „Eine Hypothese besagt, dass sich entwicklungshistorisch der Körper auf die Situation der Umgebung anpasst. Und die ist – ähnlich wie beim Winterschlaf der Bären – im Herbst und Winter auf Vorräte schaffen und mehr Ruhe angelegt.“ Der Lichtmangel bringt die innere Uhr einiger Menschen und somit das Hormon- und Neurotransmittersystem im Körper komplett durcheinander. Doch auch genetische und psychologische Faktoren können eine Rolle spielen. So ganz geklärt sind die Ursachen noch nicht gänzlich.

Was kann man tun?

Der erste Schritt sollte in jedem Fall der Gang zum Arzt sein. Wenn man merkt, dass irgendetwas nicht stimmt, sollte eine intensive Untersuchung sowie ein Gespräch zur klaren Diagnosestellung erfolgen. Depressionen lassen sich meist zuverlässig anhand verschiedener Kriterien von „normalen“ Stimmungsschwankungen abgrenzen.

Herbst-Winter-Depression: Licht kann helfen  

Die Behandlungsmöglichkeiten bei einer Herbst-Licht-Depression liegen auf der Hand: Licht! In schweren Fällen wird sogar eine Lichttherapie eingesetzt – entweder stationär, ambulant oder zu Hause. Dabei sitzt man vor einer Lampe, die weißes fluoreszierendes Licht mit einer bestimmten Beleuchtungsstärke ausstrahlt, die dem Sonnenlicht sehr ähnlich ist. Weiter werden in akuten Fällen auch bestimmte Medikamente oder eine Psychotherapie empfohlen.

Licht ins Leben bringen auch tägliche Spaziergänge bei Tageslicht. „Mindestens eine Stunde sollten sich Betroffene im Tageslicht bewegen“, so der Chefarzt. Zudem können eine halbe Stunde Sport am Tag und eine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung die Symptome abmildern. Sich aufraffen, etwas Schönes unternehmen und soziale Kontakte pflegen ist laut Pain sehr wichtig. Kommt es zu einer Behandlung in der Klinik, werden auch hier unter anderem aktivierende Therapiemaßnahmen ergriffen und vor allem eine Tagesstrukturierung durchgeführt.  

Kann man der Depression vorbeugen?

Schon der Gedanke an den Herbst oder Winter sorgt bei Betroffenen bereits im hellen Sommer für schlechte Laune und vor allem Angst. Gerade bei der Herbst-Winter-Depression stellt sich die Frage: Kann man dafür sorgen, dass sie nicht wiederkommt oder vielleicht nicht so schlimm?

Früherkennung

Wichtig ist, die Depression – ganz gleich, welche Form – so früh wie möglich zu erkennen. „Gut auf sich achten!“ ist laut Dr. med. Alexander Pain die Devise. Wird eine depressive Erkrankung früh erkannt, sind die Behandlungschancen deutlich besser. Denn bevor man in das tiefe, dunkle Loch fällt, können depressive Störungen psychotherapeutisch, medikamentös oder mit anderen unterstützenden Maßnahmen behandelt werden. Auch eine Kombination aus mehreren Möglichkeiten kann hilfreich sein und zudem dafür sorgen, dass das Leben mit einer solchen Erkrankung etwas leichter wird.

Foto: Jonathan Körntgen

Medikament

Um das Auftreten von depressiven Episoden zu reduzieren, können als vorbeugende oder medikamentöse Therapie auch Antidepressiva verschrieben werden. Das ist aber immer unbedingt abhängig von der Erkrankung und dem Betroffenen selbst. Oftmals müssen verschiedene Wirkstoffe ausprobiert werden. Bei dieser Form der Behandlung sind auch die Nebenwirkungen zu bedenken.

Psychotherapie

Das Ziel der Psychotherapie ist es, Gedanken und Gefühlen Raum zu schaffen, damit sie im Alltag nicht verdrängt werden und so später und auf lange Sicht Schaden anrichten können. Man kann sich selbst besser kennenlernen und mögliche Risiken einschätzen lernen. Auch Familie und Partner werden mit ins Boot geholt. „Wir arbeiten immer integrativ, um die einzelne Person mit ihren Bedürfnissen und Umständen zu berücksichtigen“, so Pain.

Selbsthilfegruppen

Niemand versteht besser, wie es einem in depressiven Episoden geht, als andere Betroffene. Auch bei Depressionen sind Selbsthilfegruppen eine sinnvolle Ergänzung zur medikamentösen und/oder psychotherapeutischen Behandlung. Betroffene können sich austauschen und sogar von den Erfahrungen anderer profitieren. „Ob Behandlungsmöglichkeiten, Erfolge durch Therapien oder gegenseitiger Halt – die Gespräche untereinander können Trost spenden und vor allem Mut machen. Sie können neue Wege aufzeigen, wie man mit der Erkrankung besser umgehen kann“, bestätigt der Chefarzt.  

Selbsthilfegruppen bieten auch die Chance, wieder aktiver zu sein. Denn gerade depressiv Erkrankten fällt es oftmals schwer, sich aufzuraffen und unter Leute zu gehen. Das bestätigen auch Nina Baukmeier und Kathrin Niebur von „Die Brücke“ an der Kaiserstraße in Hameln.

Sie unterstützen depressive Menschen mit regelmäßigen Angeboten wie Frühstücken, einer Kochwerkstatt, Malkursen, Lesestunden oder einer Holzwerkstatt. Auch eine Selbsthilfegruppe, in diesem Fall für Frauen, gibt es hier. „Meist werden unsere Angebote von „Stammgästen“ genutzt“, erklärt Kathrin Nibur, die bereits seit 13 Jahren eine feste Größe hier ist. „Doch in den letzten Monaten ist die Nachfrage deutlich gestiegen – völlig unabhängig von der Jahreszeit, sondern eher der Corona-Situation geschuldet.“

Die Brücke bietet auch eine Holzwerkstatt an. Foto: Inga Symann

Im Herbst und Winter komme es schon häufiger vor, dass sich die Teilnehmer zurückziehen und nicht mehr melden. „Dann rufen wir dort an und fragen nach“, ergänzt ihre Kollegin Nina Baukmeier. Doch nicht nur im Herbst ist ihre hauptsächlich durch Spenden finanzierte Arbeit immens wichtig. Besonders im Frühling, so erklären sie, kommen viele Depressive mit der auflebenden Natur und den vielen Farben nicht klar. Die Suizidrate sei in dieser Jahreszeit auffällig höher. „Wir würden liebend gerne noch viel mehr tun – aber die finanziellen Mittel sind leider begrenzt“, appellieren beide unisono.

Für beide steht das Menschliche bei ihrer Arbeit immer im Fokus. „Wir orientieren uns an den Stärken der Betroffenen und sorgen für eine familiäre und positive Atmosphäre.“ Eine Besucherin sagte einmal: „Das ist hier wie Familie und tut so gut.“

Mehr Informationen zur Selbsthilfe und ein Selbsthilfefahrplan mit weiteren Angeboten findest du hier: https://www.paritaetischer.de/kreisverbaende/hameln-pyrmont/unsere-angebote/kontaktstelle-fuer-selbsthilfe

Ergänzende Möglichkeiten

Viele Betroffene mit eher leichten Formen wenden sich auch alternativen Methoden zu. Gabriele Ewert, Kinesiologin aus Hameln erklärt: „Die Menschen, die zu mir kommen, haben oft einen langen Leidensweg mit vielen Arztbesuchen hinter sich.“

Die Kinesiologie schaut aus einer anderen Sicht auf Symptome wie Depressionen und depressive Verstimmungen. Es heißt, dass körperliche Beschwerden emotionale Ursachen haben können und umgekehrt. Auch umweltmedizinische Aspekte werden berücksichtigt. Das Ziel ist es, die Ursachen und Auslöser mithilfe verschiedener Methoden aufzudecken und so die Beschwerden zu lindern und den Menschen zu helfen.

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